Identitäten
Pangender: Wenn mehr als zwei Geschlechter dazugehören
Pangender und polygender Menschen haben mehr als ein Geschlecht, manchmal drei, manchmal sehr viele. Hier erfährst du, was die Begriffe unterscheidet, welche Kritik es gibt und wie sich das im Alltag zeigen kann.
Was pangender bedeutet
Pangender beschreibt Menschen, die sehr viele oder alle Geschlechter in sich erleben. Die Vorsilbe „pan“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „alles“ oder „ganz“, wie in „Panorama“. Die Bedeutung ist also wörtlich: alle Geschlechter.
Wie das gelebt wird, ist unterschiedlich. Manche pangender Menschen spüren viele Geschlechter gleichzeitig, als ob in ihnen eine große Bandbreite gleichzeitig Platz hat. Andere erleben die Geschlechter nacheinander, ähnlich wie bei genderfluiden Menschen. Für wieder andere ist „pangender“ eher ein Gefühl von Weite: Mein Geschlecht hat keine festen Ränder.
Pangender gehört zum nicht-binären Spektrum. Der Begriff ist selten, und Forschung dazu gibt es praktisch keine. Was wir wissen, stammt aus den Beschreibungen der Menschen, die das Wort für sich nutzen.
Polygender und trigender: wenn es mehrere sind
Nicht jede Person mit mehreren Geschlechtern fühlt sich mit „alle“ wohl. Dafür gibt es abgestufte Begriffe:
- Polygender heißt mehrere Geschlechter. „Poly“ ist griechisch für „viele“. Wie viele genau, legt der Begriff nicht fest. Oft ist eine überschaubare Zahl gemeint, die die Person auch benennen kann.
- Trigender heißt drei Geschlechter. Diese drei können gleichzeitig da sein oder sich abwechseln, und sie müssen nicht Frau, Mann und ein drittes sein. Eine Kombination wäre zum Beispiel weiblich, agender und nicht-binär.
- Bigender mit genau zwei Geschlechtern ist im Grunde der kleinste Fall dieser Familie.
Manche Menschen nutzen auch „multigender“ als Sammelbegriff für alle, die mehr als ein Geschlecht haben. Welches Wort passt, entscheidet die Person selbst. Wenn jemand sagt „Ich bin polygender“, musst du nicht nachzählen.
Was heißt „alle Geschlechter“ eigentlich?
Hier liegt der Punkt, an dem der Begriff die meiste Kritik bekommt. Wer sagt, er oder sie habe alle Geschlechter, wirft eine Frage auf: Welche sind damit gemeint? Geschlechter sind mehr als persönliche Gefühle. Sie sind auch in Kulturen und Gemeinschaften verankert.
Es gibt Geschlechterrollen, die zu einer bestimmten Kultur gehören und dort eine lange Geschichte, Rituale und Verantwortung mit sich bringen. Beispiele sind die Hijra in Südasien oder Two-Spirit, ein Sammelbegriff, den indigene Menschen Nordamerikas 1990 geprägt haben. Menschen aus diesen Gemeinschaften weisen immer wieder darauf hin, dass man ihre Geschlechter nicht einfach für sich beanspruchen kann, wenn man nicht dazugehört.
Viele pangender Menschen nehmen diese Kritik ernst. Sie verstehen „alle“ deshalb als „alle, die mir zugänglich sind“, oder als „alle Geschlechter meiner eigenen kulturellen Umgebung“. Andere meinen damit eher eine unbegrenzte Offenheit als eine wörtliche Liste. Wer mehr über Geschlechter außerhalb der europäischen Zweiteilung wissen will, findet einen Überblick im Artikel zu Geschlechtervielfalt weltweit.
Weitere Fragen, die oft gestellt werden
Gibt es überhaupt unendlich viele Geschlechter? Darüber wird gestritten, auch innerhalb der Community. Manche sagen, Geschlecht sei so individuell, dass es so viele Geschlechter gibt wie Menschen. Andere finden, dass ein Begriff nur Sinn ergibt, wenn er etwas beschreibt, das mehrere Menschen miteinander teilen. Für pangender Menschen ist diese Debatte oft weniger wichtig als die Frage, ob das Wort ihr eigenes Erleben trifft.
Ist das nicht dasselbe wie pansexuell? Nein. Pansexuell beschreibt eine sexuelle Anziehung zu Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht. Pangender beschreibt das eigene Geschlecht. Beides teilt sich nur die Vorsilbe. Eine pangender Person kann jede sexuelle Orientierung haben.
Wie kann man so viele Geschlechter auf einmal spüren? Für Außenstehende ist das schwer vorstellbar, und das ist in Ordnung. Du musst es nicht nachfühlen können, um es zu respektieren. Viele cis Menschen könnten auch nicht genau beschreiben, wie sich ihr eigenes Geschlecht anfühlt.
Pangender im Alltag
Im Alltag sieht man pangender oder polygender Menschen ihr Geschlecht meist nicht an. Manche drücken die Vielfalt über Kleidung aus und kombinieren Stile, die als weiblich, männlich oder neutral gelten. Andere sehen ganz unauffällig aus und leben ihre Identität vor allem innerlich oder in der Sprache.
Wer viele Geschlechter wechselnd erlebt, kennt ähnliche Fragen wie genderfluide Menschen: Wie viel teile ich meinem Umfeld mit? Will ich, dass sich die Ansprache mit verändert, oder wähle ich eine, die immer passt? Wer viele Geschlechter gleichzeitig erlebt, stößt eher an die Grenzen einer Welt mit zwei Kästchen. Formulare, Anreden, Toiletten verlangen ständig eine Entscheidung, die eigentlich keine Antwort hat.
Viele pangender und polygender Menschen sind deshalb vorsichtig damit, wo sie sich erklären. Im engen Kreis ganz offen, im Job vielleicht nur mit „nicht-binär“. Das ist kein Verstecken, sondern eine Frage der Kraft.
Wie Freund*innen und Familie unterstützen können
- Nimm die Bezeichnung ernst, auch wenn du dir viele Geschlechter in einem Menschen schwer vorstellen kannst.
- Frag nicht nach einer vollständigen Liste. Welche Geschlechter genau dazugehören, ist privat und muss niemandem bewiesen werden.
- Verwende die gewünschte Ansprache, auch wenn sie wechselt. Fehler passieren, eine kurze Korrektur reicht.
- Mach keine Witze über „ganz viele Geschlechter“. Für dich ist es vielleicht ein Kuriosum, für die Person ist es ihr Leben.
- Lass die Person selbst entscheiden, wem sie davon erzählt. Gib es nicht ungefragt weiter.
Ansprache und Pronomen
Viele pangender und polygender Menschen nutzen neutrale Pronomen oder nur ihren Namen, weil kein binäres Pronomen die Bandbreite abdeckt. Andere nutzen mehrere Pronomen im Wechsel und freuen sich, wenn das Umfeld sie abwechselnd verwendet. Und manche sind mit „sie“ oder „er“ einverstanden, weil es im Alltag einfacher ist.
Frag nach und merk dir die Antwort. Wenn eine Person sagt „Alle Pronomen sind okay“, darfst du das wörtlich nehmen. Manche wünschen sich dann sogar, dass du abwechselst.
Umfeld informieren und rechtliche Optionen
Pangender oder polygender ist für viele Menschen schwerer zu erklären als nicht-binär, weil schon das Grundwort ungewohnt ist. Es hilft, mit dem Bekannten anzufangen: „Ich bin nicht-binär, genauer gesagt habe ich mehrere Geschlechter.“ Wer mehr wissen will, fragt nach. Wichtig ist vor allem, was sich für die anderen ändert, etwa die Ansprache.
Rechtlich gilt in Deutschland seit dem Selbstbestimmungsgesetz: Du kannst deinen Geschlechtseintrag per Erklärung beim Standesamt ändern, die drei Monate vorher angemeldet werden muss. Zur Wahl stehen männlich, weiblich, divers und keine Angabe. Manche pangender Menschen empfinden keine Angabe als die ehrlichste Option, andere wählen divers. Bei beiden Optionen sind neutrale oder frei kombinierte Vornamen möglich. Bedenke zwei Dinge: Nach einer Änderung gilt eine Sperrfrist von einem Jahr, und im Reisepass steht bei divers oder ohne Angabe ein „X“, mit dem manche Länder bei der Einreise Probleme machen. Pflicht ist eine Änderung nicht. Weitere Begriffe und Identitäten findest du im Überblick zu allen Geschlechtsidentitäten.
Häufige Fragen
Woran merke ich, ob ich pangender oder polygender bin?
Ein Hinweis kann sein, dass du dich in keinem einzelnen Geschlecht vollständig wiederfindest, aber auch nicht ohne Geschlecht. Stattdessen erlebst du mehrere Seiten, die alle zu dir gehören. Wenn du sie zählen und benennen kannst, passt vielleicht polygender oder trigender. Wenn es sich eher grenzenlos anfühlt, eher pangender. Probier aus, welches Wort sich richtig anfühlt. Du kannst es später wieder ändern.
Ist pangender dasselbe wie genderfluid?
Nicht unbedingt. Genderfluid beschreibt ein Geschlecht, das sich über die Zeit verändert. Pangender beschreibt, wie viele Geschlechter zu dir gehören. Eine pangender Person kann viele Geschlechter gleichzeitig spüren, ohne dass sich etwas verändert. Andere erleben ihre vielen Geschlechter im Wechsel und nennen sich dann vielleicht beides. Die Begriffe überschneiden sich, beschreiben aber unterschiedliche Seiten des Erlebens.
Gibt es eine Pangender-Flagge?
In der Community kursieren Entwürfe für Pangender-, Polygender- und Trigender-Flaggen. Sie sind aber wenig bekannt, und die Angaben zu Herkunft und Farben lassen sich nicht verlässlich belegen. Deshalb stellen wir sie hier nicht im Detail vor. Wer ein Symbol sucht, kann auch die nicht-binäre Flagge nutzen, die als gemeinsames Zeichen für Geschlechter außerhalb der Zweiteilung gilt.
Kann man als pangender Person auch trans sein?
Ja. Wer sich nicht oder nicht nur mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert, gehört nach der weiten Definition zum trans Spektrum. Manche pangender Menschen nennen sich deshalb auch trans, andere nicht. Das hängt oft davon ab, ob sie den Begriff mit einer medizinischen Transition verbinden oder einfach als Beschreibung verwenden. Beide Sichtweisen sind in Ordnung.
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