Two-Spirit: Ein indigener Sammelbegriff aus Nordamerika

Two-Spirit ist eine Selbstbezeichnung indigener Menschen in Nordamerika. Hier erfährst du, wie der Begriff entstand, warum er viele verschiedene Traditionen umfasst und weshalb Außenstehende ihn nicht für sich übernehmen sollten.

Was Two-Spirit bedeutet

Two-Spirit ist ein indigener Sammelbegriff aus Nordamerika, den indigene Menschen für sich selbst geprägt haben. Er beschreibt Menschen aus indigenen Gemeinschaften, deren Geschlecht, Geschlechterrolle oder Sexualität nicht in die Kategorien passt, die europäische Siedler*innen mitgebracht haben. Wörtlich übersetzt hieße er „zwei Geister“. Üblich ist aber auch im deutschsprachigen Raum die englische Form.

Für das Verständnis ist ein Punkt zentral: Two-Spirit ist kein einheitliches Konzept mit fester Definition. Der Begriff ist ein Dach. Darunter stehen sehr verschiedene Traditionen, Rollen und Selbstverständnisse aus vielen einzelnen Nationen. Was Two-Spirit für eine Person bedeutet, hängt von ihrer Gemeinschaft, ihrer Familie und ihrem eigenen Weg ab.

Für Menschen außerhalb dieser Kulturen ist die Bedeutung deshalb nur grob zu fassen. Dieser Artikel kann einen Überblick geben, aber er vereinfacht zwangsläufig. Wer tiefer einsteigen will, sollte vor allem indigenen Stimmen zuhören.

1990 in Winnipeg: wie der Begriff entstand

Geprägt wurde der Sammelbegriff 1990 in Winnipeg in Kanada, bei einem Treffen indigener queerer Menschen aus Nordamerika. Nach verbreiteter Darstellung geht die englische Form auf einen Ausdruck aus dem Anishinaabemowin zurück, der Sprache der Anishinaabe (Ojibwe).

Hinter der Wortschöpfung stand ein klares Anliegen. Bis dahin hatten vor allem Außenstehende über diese Menschen geschrieben, etwa Reisende, Missionare und später Ethnolog*innen. Sie nutzten Begriffe, die abwertend waren oder aus fremden Sprachen stammten, darunter das Wort „Berdache“, das heute als beleidigend gilt. Mit Two-Spirit wollten indigene Menschen eine Bezeichnung setzen, die sie selbst gewählt hatten. Mehr zu solchen überholten Wörtern liest du im Artikel über veraltete Begriffe.

Ein weiteres Ziel war die Abgrenzung von nicht-indigenen schwulen und lesbischen Bewegungen. Deren Begriffe beschrieben vor allem Sexualität, während viele indigene Traditionen Geschlecht, Spiritualität und die Rolle in der Gemeinschaft zusammen denken.

Viele Nationen, viele eigene Wörter

Nordamerika ist die Heimat von Hunderten indigenen Nationen mit eigenen Sprachen, Religionen und Lebensweisen. Viele von ihnen kannten Rollen für Menschen, die nicht in das Schema Mann oder Frau passten. Diese Rollen hatten eigene Namen in der jeweiligen Sprache. Bei den Diné (Navajo) ist etwa der Begriff nádleehí bekannt, bei den Lakota winkte.

Diese Begriffe sind nicht austauschbar. Welche Aufgaben, welches Ansehen oder welche Rituale mit einer Rolle verbunden waren, unterschied sich teils deutlich. Manche Traditionen sind gut überliefert, andere nur bruchstückhaft, wieder andere sind durch die Kolonialgeschichte verloren gegangen oder werden heute neu belebt. Pauschale Aussagen wie „Two-Spirit-Menschen waren überall heilige Schamanen“ sind deshalb Vereinfachungen, die mehr über die Fantasie von Außenstehenden verraten als über die Kulturen selbst.

Two-Spirit ersetzt diese Wörter nicht. Es ist ein gemeinsamer Begriff, unter dem sich Menschen aus verschiedenen Nationen verbinden können, etwa in Organisationen oder bei Treffen. Viele nutzen beides: das eigene Wort ihrer Nation und Two-Spirit als Brücke zu anderen.

Kolonialgeschichte: was verloren ging

Mit der europäischen Kolonisierung kamen christliche Missionen und die Vorstellung von genau zwei Geschlechtern mit festen Rollen. Menschen, die davon abwichen, wurden vielerorts verfolgt, bestraft oder zur Anpassung gezwungen. Berichte aus dieser Zeit stammen fast ausschließlich von Europäern und sind oft voller Abscheu oder Missverständnisse.

Besonders schwer wogen staatliche und kirchliche Internate, in die indigene Kinder in den USA und Kanada über Generationen gebracht wurden. Dort sollten sie ihre Sprachen, ihre Religion und ihre Traditionen ablegen. Mit den Sprachen ging auch viel Wissen über Geschlechterrollen verloren. In manchen Gemeinschaften wirkte die übernommene Ablehnung so lange nach, dass Two-Spirit-Menschen dort bis heute Ausgrenzung erleben.

Die Wortschöpfung von 1990 gehört deshalb zu einer größeren Bewegung: Indigene Menschen holen sich ihre Geschichte, ihre Sprachen und ihre Traditionen zurück. Two-Spirit ist für viele Identität und Wiederaneignung zugleich.

Mehr als Geschlecht: was der Begriff umfasst

Westliche Begriffe trennen meist zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung. Two-Spirit tut das oft nicht. Je nach Person und Gemeinschaft kann der Begriff ein Geschlecht jenseits von Mann und Frau meinen, eine besondere Rolle in der Gemeinschaft, eine spirituelle Dimension oder auch eine gleichgeschlechtliche Orientierung. Häufig verbinden sich mehrere dieser Ebenen.

Deshalb ist Two-Spirit auch keine indigene Version von trans, schwul oder nicht-binär. Manche Two-Spirit-Menschen nutzen diese Begriffe zusätzlich, andere lehnen sie für sich ab. Und nicht alle indigenen queeren Menschen nennen sich Two-Spirit. Manche bevorzugen das Wort ihrer Nation, manche westliche Begriffe, manche beides.

In Kanada taucht der Begriff heute auch in der Abkürzung 2SLGBTQ+ auf. Die Zwei steht für Two-Spirit und wird bewusst an den Anfang gesetzt. Mehr über die einzelnen Buchstaben erfährst du im Artikel zu LGBTQIA+.

Warum Nicht-Indigene den Begriff nicht für sich nutzen sollten

Two-Spirit ist an indigene Kulturen gebunden. Der Begriff wurde von indigenen Menschen für indigene Menschen geprägt, und er ergibt nur im Zusammenhang mit deren Geschichte, Gemeinschaften und Spiritualität Sinn. Wenn nicht-indigene Menschen sich als Two-Spirit bezeichnen, etwa weil ihnen das Bild von zwei Geistern gefällt, übernehmen sie etwas, das ihnen nicht gehört.

Das hat mit einer langen Erfahrung zu tun. Indigene Kulturen wurden erst unterdrückt und später oft romantisiert, vermarktet oder als spirituelle Kulisse benutzt. Die Aneignung eines selbst gewählten Begriffs wiederholt dieses Muster. Wer sich als nicht-indigene Person jenseits von Frau und Mann erlebt, findet passendere Wörter, etwa nicht-binär, genderqueer oder bigender.

Respekt heißt auch, Two-Spirit-Menschen nicht als exotische Kuriosität zu behandeln. Sie sind keine Figuren aus der Vergangenheit. Sie leben heute, in Städten wie auf dem Land, mit Jobs, Familien und politischen Anliegen.

Wie du respektvoll mehr erfährst

  • Lies und höre vor allem, was indigene Menschen selbst schreiben und erzählen, etwa in Büchern, Podcasts oder auf den Seiten indigener Organisationen.
  • Sei vorsichtig mit alten Reiseberichten und ethnologischen Texten. Sie sagen oft mehr über die Verfasser als über die Beschriebenen.
  • Nenne die jeweilige Nation, wenn du über eine konkrete Tradition sprichst, statt alles unter Two-Spirit zu fassen.
  • Verzichte auf das Wort „Indianer“. Es ist eine Fremdbezeichnung aus der Kolonialzeit und im Deutschen stark mit Klischees aus Romanen und Filmen verbunden. Besser passen „indigene Menschen“, „First Nations“, „Native Americans“ oder der Name der jeweiligen Nation.
  • Erwarte nicht von jeder indigenen Person, dass sie dir das Thema erklärt. Niemand ist verpflichtet, für eine ganze Kultur zu sprechen.

Two-Spirit ist eines von vielen Beispielen dafür, dass Kulturen weltweit mehr als zwei Geschlechter kennen. Einen Überblick bietet unser Artikel zur Geschlechtervielfalt weltweit, ein weiteres Beispiel sind die Hijra in Südasien. Wie sich der Blick auf Geschlecht im Lauf der Geschichte verändert hat, liest du ebenfalls bei uns, und weitere Begriffe findest du im Überblick über alle Identitäten.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Wie übersetzt man Two-Spirit richtig ins Deutsche?

Eine wirklich passende Übersetzung gibt es nicht. Wörtlich hieße es „zwei Geister“ oder „zwei Seelen“. Das verkürzt den Begriff aber schnell auf das Bild von zwei Wesen in einem Körper, das nicht für alle passt, die sich so nennen. Deshalb bleibt man im Deutschen besser bei der englischen Form. Geht es um eine bestimmte Nation, ist deren eigener Begriff meist die genauere Wahl.

Gibt es Two-Spirit-Menschen auch heute noch?

Ja. Two-Spirit ist keine historische Kategorie, sondern eine lebendige Selbstbezeichnung. In den USA und in Kanada gibt es Organisationen, Treffen und Gemeinschaftsveranstaltungen von und für Two-Spirit-Menschen. Viele setzen sich für Gesundheit, Sichtbarkeit und den Schutz vor Diskriminierung ein, auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften. Wer sie nur als Teil der Vergangenheit beschreibt, macht sie ein zweites Mal unsichtbar.

Darf ich als nicht-indigene Person über Two-Spirit schreiben oder sprechen?

Ja, wenn du es respektvoll tust. Darüber zu lernen und zu informieren ist etwas anderes, als den Begriff für dich selbst zu übernehmen. Stütze dich auf Quellen aus indigenen Gemeinschaften, nenne Nationen statt pauschaler Bilder und tritt nicht als Fachperson für Kulturen auf, die nicht deine eigenen sind. Spirituelle Zeremonien nachzuahmen oder Symbole als Dekoration zu nutzen, gehört nicht dazu.

Warum gilt das Wort „Berdache“ als beleidigend?

Der Ausdruck stammt aus europäischen Sprachen und wurde von Außenstehenden auf indigene Menschen übertragen. Er hatte ursprünglich eine abwertende, sexualisierte Bedeutung und sagte nichts über die eigentlichen Rollen in den Gemeinschaften aus. Trotzdem hielt er sich lange in Wissenschaft und Literatur. Viele indigene Menschen lehnen ihn klar ab. Wenn du ihn in älteren Texten liest, ist das ein Hinweis, dass der Blick von außen kommt.

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