Queer: Vom Schimpfwort zur stolzen Selbstbezeichnung

Queer ist ein kurzes Wort mit langer Geschichte. Es kann eine Identität beschreiben, eine ganze Community oder eine Haltung gegenüber Normen. Hier erfährst du, was dahintersteckt und wie es sich von trans unterscheidet.

Progress-Pride-Flagge mit Regenbogen und Winkel in Schwarz, Braun, Hellblau, Rosa und Weiß
Die Progress-Pride-Flagge entwarf Daniel Quasar 2018. Der Winkel in Schwarz, Braun, Hellblau, Rosa und Weiß ergänzt den Regenbogen um Schwarze Menschen, People of Color und trans Menschen.

Was queer heute bedeutet

Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen, die nicht heterosexuell sind, nicht cis sind oder beides. Wer schwul, lesbisch, bi, pan, asexuell, trans, nicht-binär oder inter ist, kann sich queer nennen. Muss es aber nicht. Das Wort ist ein Angebot, keine Pflicht.

Ausgesprochen wird es wie im Englischen, ungefähr „kwier“. Im Deutschen hat es sich als Adjektiv eingebürgert: eine queere Person, queeres Leben, die queere Community. Manche nutzen es auch als Substantiv und sagen „Queers“, das klingt für viele aber holprig.

Das Besondere an queer ist seine Unschärfe. Andere Begriffe sagen ziemlich genau, worum es geht. Lesbisch beschreibt, wen jemand liebt. Trans beschreibt das Verhältnis von eigenem Geschlecht und Geburtseintrag. Queer dagegen sagt vor allem: Ich passe nicht in die Norm, die die Gesellschaft für selbstverständlich hält. Für viele liegt genau darin der Reiz.

Große Menschenmenge mit Pride-Flaggen auf einem Platz
Foto: Sophie Popplewell / Unsplash

Vom Schimpfwort zur Selbstbezeichnung

Im Englischen bedeutete „queer“ ursprünglich so viel wie seltsam, eigenartig oder verdächtig. Woher das Wort genau stammt, ist nicht ganz geklärt. Oft wird eine Verwandtschaft mit dem deutschen „quer“ vermutet. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde es im englischsprachigen Raum zunehmend als Schimpfwort für homosexuelle Männer benutzt, später für alle, die von der Norm abwichen. Wer „queer“ genannt wurde, sollte sich krank, falsch oder gefährlich fühlen.

Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre drehten Aktivist*innen in den USA den Spieß um. Mitten in der Aids-Krise, als viele schwule Männer starben und Politik und Gesellschaft oft wegschauten, griffen Gruppen wie Queer Nation das Schimpfwort bewusst auf. Die Botschaft: Ihr könnt uns mit diesem Wort nicht mehr verletzen, weil wir es uns selbst nehmen. Fast zur gleichen Zeit entstand an Universitäten die Queer Theory, die Normen rund um Geschlecht und Sexualität wissenschaftlich hinterfragt.

Die Geschichte des Begriffs ist also ein Weg vom Schimpfwort zur stolzen Selbstbezeichnung. Etwas Ähnliches kennt man im Deutschen von „schwul“. Auch das war lange eine Beleidigung, bis die Schwulenbewegung der 1970er Jahre es zur selbstbewussten Eigenbezeichnung machte. Queer kam in den 1990er Jahren ins Deutsche, zunächst über Wissenschaft und Szene. Weil das englische Wort hier nie ein Alltagsschimpfwort war, wirkt es für viele jüngere Menschen im deutschsprachigen Raum von Anfang an neutral oder positiv.

Queer als Sammelbegriff

Im Alltag wird queer meist als Dach genutzt. Queere Jugendgruppe, queeres Zentrum, queeres Filmfestival: Gemeint sind dann alle, die sich irgendwo unter dem Regenbogen wiederfinden. Das ist praktisch, weil man nicht jedes Mal eine lange Liste aufzählen muss. Die ausführliche Variante ist die Abkürzung LGBTQIA+, in der jeder Buchstabe für eine bestimmte Gruppe steht.

Als Sammelbegriff hat queer einen weiteren Vorteil. Es schließt Menschen ein, die ihre Identität noch sortieren oder sich auf keine genaue Bezeichnung festlegen möchten. Wer weiß, dass er nicht hetero ist, aber noch nicht, ob bi oder pan besser passt, kann einfach queer sagen. Und wer beides erlebt, eine nicht-heterosexuelle Orientierung und ein Geschlecht jenseits von cis, findet darin ein Wort für das Ganze.

Inzwischen ist das Wort auch in der Politik und in Behörden angekommen. Ministerien sprechen von Queerpolitik, Städte fördern queere Jugendarbeit, und in Stellenanzeigen steht manchmal, dass queere Bewerber*innen ausdrücklich willkommen sind. Dass ein früheres Schimpfwort in Amtstexten steht, zeigt, wie stark sich seine Bedeutung verschoben hat.

Queer als eigene Identität und als Haltung

Für manche ist queer mehr als ein Oberbegriff. Sie nutzen es als ihre eigentliche Identität. Auf die Frage „Bist du lesbisch oder bi?“ antworten sie: „Ich bin queer.“ Das ist keine Ausweichantwort. Es beschreibt ein Erleben, in dem feste Kategorien einfach nicht greifen.

Daneben steht queer für eine Haltung. Gemeint ist die Idee, dass Normen rund um Geschlecht, Liebe und Familie nicht naturgegeben sind und hinterfragt werden dürfen. Wer queer so versteht, will nicht unbedingt „ganz normal dazugehören“. Er oder sie fragt eher, wer eigentlich festlegt, was normal ist. Aus diesem Gedanken entstand auch der Begriff genderqueer, mit dem manche Menschen ihr Geschlecht jenseits fester Schubladen beschreiben.

Diese politische Seite gefällt nicht allen. Manche schwule oder lesbische Menschen wollen einfach ihr Leben führen, ohne dass das als Statement gegen die Gesellschaft gelesen wird. Auch das ist ein legitimer Standpunkt. Queer zwingt niemanden zu einer bestimmten Meinung.

Queer und trans: der Unterschied

Queer und trans werden oft in einem Atemzug genannt, meinen aber Verschiedenes. Trans beschreibt eine bestimmte Erfahrung: Das eigene Geschlecht passt nicht zu dem, das bei der Geburt eingetragen wurde. Queer ist viel breiter und kann sich auf Geschlecht, auf sexuelle Orientierung oder auf beides beziehen.

Daraus folgt: Nicht jede queere Person ist trans. Ein cis Mann, der Männer liebt, ist queer, aber nicht trans. Umgekehrt nennt sich nicht jede trans Person queer. Eine trans Frau, die Männer liebt, lebt eine heterosexuelle Beziehung und versteht sich vielleicht einfach als Frau, ohne weiteres Etikett. Manche trans Menschen sagen bewusst: „Ich bin trans, aber nicht queer.“ Andere fühlen sich in queeren Räumen genau richtig. Beides ist in Ordnung.

Für nicht-binäre Menschen liegt queer oft näher, weil ihr Geschlecht ohnehin außerhalb der gewohnten Ordnung liegt. Aber auch hier gilt: Wie sich jemand nennt, entscheidet die Person selbst.

Wann das Wort noch verletzen kann

Auch wenn queer heute weit verbreitet ist, verbinden nicht alle gute Erinnerungen damit. Gerade ältere Menschen aus dem englischsprachigen Raum haben das Wort als Beleidigung erlebt, manchmal zusammen mit Gewalt. Für sie klingt es nicht nach Befreiung, sondern nach Schulhof. Und es kann auch heute abwertend gemeint sein, je nachdem, wer es wie sagt.

Ein guter Umgang ist deshalb einfach. Nutze queer als Sammelbegriff, wenn du über Gruppen sprichst, etwa über queere Jugendliche. Wenn du über eine einzelne Person sprichst, nimm das Wort, das sie selbst verwendet. Sagt jemand „Ich bin lesbisch“, nenn sie nicht ungefragt queer. Als Substantiv („ein Queer“) wirkt das Wort schnell abwertend, das Adjektiv ist die sichere Wahl.

Im deutschsprachigen Raum ist die Lage etwas entspannter, weil das Wort hier nie auf dem Schulhof gerufen wurde. Trotzdem gibt es auch hier Menschen, die es fremd finden, weil es aus dem Englischen kommt oder nach Uni-Seminar klingt. Das ist kein Grund, es nicht zu benutzen. Es ist nur ein Grund, nicht davon auszugehen, dass alle es mögen.

Queeres Leben und wo du weiterlesen kannst

Queeres Leben hat viele Orte: Freundeskreise, Vereine, Sportgruppen, Partys, Beratungsstellen, Kunst und Kultur. Viele Städte haben queere Zentren, und auf jedem Christopher Street Day sieht man, wie breit die Community ist. Wie es zu diesen Demonstrationen kam, erzählt der Artikel über Stonewall und den CSD.

Wenn du mehr über queeres Leben, Kultur und Alltag lesen möchtest, schau bei unserem Partnerprojekt qweer.de vorbei. Einzelne Wörter aus dem queeren Wortschatz erklärt das Queer Lexikon sehr ausführlich. Die Bedeutung weiterer Grundbegriffe rund um Geschlecht findest du bei uns im Bereich Grundlagen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Kann sich eine heterosexuelle Person queer nennen?

Das kommt darauf an. Eine heterosexuelle trans oder nicht-binäre Person kann sich selbstverständlich queer nennen, weil queer auch das Geschlecht umfasst. Schwieriger wird es bei heterosexuellen cis Menschen, die sich wegen ihrer politischen Haltung queer nennen. Manche in der Community finden das anmaßend, weil diese Menschen die Ausgrenzung nicht selbst erleben. Andere sehen es entspannter. Eine verbindliche Regel gibt es nicht.

Was ist Queer Theory?

Queer Theory ist eine Forschungsrichtung, die Anfang der 1990er Jahre vor allem an Universitäten in den USA entstand. Sie fragt, wie Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität entstehen und warum manche davon als normal gelten. Sehr einflussreich war das Buch „Gender Trouble“ der Philosophin Judith Butler von 1990. Kritik gibt es auch: Viele Texte gelten als schwer lesbar, und manchen ist der Ansatz zu weit vom Alltag entfernt.

Was bedeutet queerfeindlich?

Queerfeindlich beschreibt Abwertung, Hass oder Benachteiligung gegenüber queeren Menschen. Der Begriff fasst zusammen, was man sonst einzeln Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit oder Interfeindlichkeit nennt. Früher war vor allem „Homophobie“ üblich. Viele bevorzugen inzwischen die Endung „feindlichkeit“, weil es meist nicht um Angst geht, sondern um Ablehnung. Schlägt Queerfeindlichkeit in Bedrohung oder Gewalt um, spricht man von Hasskriminalität.

Gab es queere Menschen schon immer?

Menschen, die man heute queer nennen würde, gab es zu allen Zeiten und in vielen Kulturen. Neu ist vor allem das Wort. Manche Gesellschaften kennen seit Langem eigene Begriffe für Menschen jenseits von Mann und Frau, etwa die Hijra in Südasien. In Deutschland gründete Magnus Hirschfeld schon 1919 in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft, das sich mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt befasste, bis Nationalsozialisten es 1933 plünderten.

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