Identitäten
Hijra: Eine Gemeinschaft mit jahrhundertealter Geschichte
Hijra sind eine Gemeinschaft in Indien, Pakistan und Bangladesch, die sich weder als Männer noch einfach als Frauen versteht. Hier erfährst du, woher sie kommt, wie sie organisiert ist und warum Hijra nicht dasselbe ist wie trans Frau.
Wer Hijra sind
Hijra sind eine Gemeinschaft in Südasien, vor allem in Indien, Pakistan und Bangladesch. Zu ihr gehören Menschen, denen bei der Geburt meist das männliche Geschlecht zugewiesen wurde oder die intergeschlechtlich sind, und die in einer weiblichen oder eigenen Geschlechterrolle leben. Die Bedeutung des Wortes umfasst dabei zweierlei: eine Identität und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft mit eigenen Regeln, Ritualen und Strukturen.
Viele Hijra sehen sich weder als Mann noch als Frau, sondern als eigenes, drittes Geschlecht. Andere beschreiben sich als Frauen oder nutzen mehrere Begriffe. In verschiedenen Regionen und Sprachen gibt es außerdem eigene Bezeichnungen, etwa „Kinnar“ in Teilen Indiens oder „Khwaja Sira“ in Pakistan. Manche davon gelten als respektvoller, über andere wird gestritten.
Wie so oft bei kulturellen Geschlechterkonzepten gilt: Eine kurze Beschreibung von außen vereinfacht. Hijra-Gemeinschaften unterscheiden sich je nach Region, Religion und Lebensumständen, und nicht jede Person, die so genannt wird, sieht sich selbst gleich.
Eine jahrhundertealte Geschichte
Hijra sind eine Gemeinschaft mit jahrhundertealter Geschichte. Menschen jenseits von Mann und Frau tauchen in alten südasiatischen Texten und Erzählungen auf, auch in religiösen Überlieferungen des Hinduismus. Wie direkt diese frühen Figuren mit den heutigen Hijra-Gemeinschaften zusammenhängen, ist allerdings nicht immer eindeutig, und Fachleute sind sich hier nicht in allem einig.
Besser belegt ist die Zeit der muslimischen Herrscherhöfe, etwa im Mogulreich. Dort hatten Menschen, die man heute oft mit Hijra in Verbindung bringt, teils angesehene Positionen, zum Beispiel als Bedienstete und Vertraute bei Hofe. Hijra-Gemeinschaften umfassen bis heute Menschen hinduistischen und muslimischen Glaubens, und in ihren Ritualen mischen sich teils Elemente aus beiden Traditionen. Wie sich der Umgang mit Geschlecht auch in Europa über die Zeit verändert hat, liest du in unserem Artikel zur Geschichte.
Guru und Chela: wie die Gemeinschaft organisiert ist
Ein Kern der Hijra-Kultur ist die Beziehung zwischen Guru und Chela. Der Guru ist eine erfahrene Person aus der Gemeinschaft, die Chela eine Schülerin oder Nachfolgerin. Wer neu dazukommt, wird in der Regel von einem Guru aufgenommen. Daraus entsteht eine enge Bindung, die für viele eine Art Ersatzfamilie ist, gerade wenn die Herkunftsfamilie sie verstoßen hat.
Diese Struktur bietet Schutz, Wohnraum, Wissen und Zugehörigkeit. Gurus geben Traditionen, Regeln und Fertigkeiten weiter, Chelas unterstützen ihren Guru und tragen zum gemeinsamen Haushalt bei. Größere Gruppen sind in Linien oder Häusern organisiert, die eigene Hierarchien haben.
Wie jedes System hat auch dieses Schattenseiten. Neben Solidarität werden auch Abhängigkeiten, finanzielle Verpflichtungen und Konflikte beschrieben. Ein ehrliches Bild zeigt beides: die Gemeinschaft als Halt und als Rahmen mit eigenen Zwängen.
Segnungen und traditionelle Rollen
Traditionell sind Hijra eng mit Segnungen verbunden. Bei Hochzeiten und Geburten treten sie auf, singen und tanzen und sprechen Segen aus, etwa für Fruchtbarkeit und Glück. Dahinter steht der verbreitete Glaube, dass Hijra besondere Kräfte haben, zu segnen und auch zu verfluchen. Dafür erhalten sie Geld oder Geschenke.
Diese Rolle bringt Respekt und Furcht zugleich mit sich. Viele Familien laden Hijra ein oder lassen sie gewähren, weil sie Segen wollen oder einen Fluch fürchten. Gleichzeitig hält das Hijra am Rand der Gesellschaft fest. Weil traditionelle Einnahmen heute oft nicht reichen, sind viele zusätzlich auf Betteln oder Sexarbeit angewiesen, mit allen Risiken, die das mit sich bringt.
Ausgrenzung seit der Kolonialzeit
Einen tiefen Einschnitt brachte die britische Kolonialherrschaft. Die Kolonialverwaltung sah in Hijra eine Bedrohung für die öffentliche Moral. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie in Teilen Britisch-Indiens unter dem sogenannten Criminal Tribes Act als verdächtige Gruppe erfasst, registriert und überwacht. Traditionelle Auftritte konnten bestraft werden, und Hijra verloren Rechte und Unterstützung, die sie zuvor teils hatten.
Die Folgen wirkten lange nach. Auch nach der Unabhängigkeit blieben Vorurteile, rechtliche Benachteiligung und soziale Ausgrenzung bestehen. Viele Hijra wurden aus Familien, Schulen und regulären Jobs gedrängt. Diese Geschichte erklärt einen Teil der Armut und Stigmatisierung, die viele bis heute erleben. Wie Kolonialmächte auch anderswo Geschlechterordnungen verändert haben, zeigt etwa die Geschichte von Two-Spirit in Nordamerika.
Anerkennung in Indien seit 2014
Ein Wendepunkt kam 2014. Der Oberste Gerichtshof Indiens erkannte Hijra und andere Transgender-Personen als drittes Geschlecht an. Er forderte den Staat auf, sie vor Diskriminierung zu schützen und ihnen den Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung zu erleichtern. Seitdem gibt es in vielen amtlichen Dokumenten eine dritte Option. Auch in Pakistan und Bangladesch gibt es inzwischen Formen rechtlicher Anerkennung.
Zwischen Recht und Alltag klafft allerdings eine Lücke. Urteile und Gesetze haben viel bewegt, aber nicht alles. Die Umsetzung unterscheidet sich je nach Region, und nicht alle Betroffenen sind mit den Regeln einverstanden. Kritik gibt es zum Beispiel daran, wie Behörden die Zugehörigkeit prüfen. Und ein Eintrag im Ausweis allein sorgt noch nicht dafür, dass eine Familie ihr Kind nicht verstößt oder ein Betrieb jemanden einstellt. Gesellschaftliche Haltungen ändern sich langsamer als Gesetze.
Hijra heute
Die heutige Lage von Hijra ist sehr unterschiedlich. Viele leben weiterhin in Armut und erleben Gewalt, Diskriminierung bei Wohnungssuche und Arbeit und Hürden im Gesundheitssystem. Gleichzeitig sind Hijra sichtbarer geworden: in Medien, im Aktivismus, vereinzelt auch in der Politik. Manche arbeiten in Organisationen, die sich für Gesundheit und Rechte einsetzen.
Auch innerhalb der Gemeinschaft verändert sich viel. Jüngere Menschen nutzen teils neue Begriffe, leben außerhalb der traditionellen Strukturen oder verbinden beides. Das sorgt manchmal für Spannungen zwischen älteren und neueren Formen, Geschlecht zu leben. Wer heute über Hijra spricht, beschreibt deshalb keine starre Tradition, sondern eine Gemeinschaft im Wandel.
Warum Hijra kein Synonym für trans Frau ist
In westlichen Medien wird Hijra oft einfach mit „trans Frau“ übersetzt. Das greift zu kurz. Eine trans Frau wurde bei der Geburt als Junge eingeordnet und ist eine Frau, ganz im westlichen Verständnis von zwei Geschlechtern. Hijra ist dagegen ein kulturelles Konzept mit eigener Geschichte, Religion, Gemeinschaft und Rolle. Viele Hijra verstehen sich als drittes Geschlecht, nicht als Frauen. Und nicht jede trans Frau in Südasien ist Hijra oder möchte es sein.
Auch mit Intergeschlechtlichkeit wird Hijra manchmal gleichgesetzt. Intergeschlechtliche Menschen gehören zwar zu Hijra-Gemeinschaften, nach allem, was bekannt ist, aber nur als ein Teil davon.
Respekt heißt hier, Hijra nicht als exotische Figur oder als „das indische Wort für trans“ zu behandeln. Die Kultur gehört den Menschen, die sie leben, und der Begriff ist keine Selbstbezeichnung für Außenstehende. Weitere Beispiele für Geschlechter jenseits der Zweiteilung findest du im Artikel zur Geschlechtervielfalt weltweit und im Überblick über alle Identitäten.
Häufige Fragen
Darf ich als außenstehende Person „Hijra“ sagen?
Ja. Hijra ist der gängige Begriff und wird von vielen Hijra selbst genutzt. Je nach Region und Tonfall kann das Wort allerdings auch abwertend gebraucht werden. Manche bevorzugen andere Bezeichnungen wie Kinnar oder Khwaja Sira. Wenn du über konkrete Menschen sprichst, nimm die Bezeichnung, die sie selbst verwenden. Für dich selbst übernehmen solltest du den Begriff nicht, wenn du nicht zur Gemeinschaft gehörst.
Sind Hijra eine religiöse Gruppe?
Nicht im engeren Sinn. Hijra-Gemeinschaften haben starke religiöse und spirituelle Bezüge, ihre Mitglieder gehören aber unterschiedlichen Religionen an, vor allem dem Hinduismus und dem Islam. Rituale, Feste und die Verehrung bestimmter Gottheiten oder Heiliger spielen in vielen Gemeinschaften eine Rolle. Zugleich ist Hijra eine soziale Gemeinschaft mit eigener Organisation. Religion ist ein wichtiger Teil davon, aber nicht das Ganze.
Ist die Lage in Indien, Pakistan und Bangladesch gleich?
Nein. In allen drei Ländern gibt es inzwischen Formen rechtlicher Anerkennung, die genauen Regeln unterscheiden sich aber und wurden teils mehrfach geändert oder vor Gericht angefochten. Auch der gesellschaftliche Umgang hängt stark von Region, Stadt oder Land und religiösem Umfeld ab. Wer sich für ein bestimmtes Land interessiert, sollte aktuelle Berichte von Organisationen vor Ort lesen, statt sich auf ältere Darstellungen zu verlassen.
Gehört ein körperlicher Eingriff dazu, um Hijra zu sein?
Nicht für alle. In manchen Gemeinschaften hatte ein ritueller Eingriff an den Genitalien traditionell eine große Bedeutung und galt als wichtiger Schritt. Viele Hijra haben ihn aber nicht. Wird er ohne ärztliche Versorgung durchgeführt, ist er mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Heute lassen manche medizinische Eingriffe in Kliniken vornehmen. Welche Rolle der Körper spielt, unterscheidet sich stark zwischen Gemeinschaften und Personen.
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