Geschichte von trans Menschen: Was wir wissen und was fehlt

Trans Menschen haben eine lange Geschichte, aber eine lückenhafte Überlieferung. Hier findest du die wichtigsten Stationen von Berlin um 1900 über Stonewall bis zum Selbstbestimmungsgesetz, mit einer Zeitleiste der gesicherten Daten.

Warum diese Geschichte so viele Lücken hat

Wer sich mit der Geschichte von trans Menschen beschäftigt, merkt schnell: Die meisten Quellen stammen nicht von ihnen selbst. Gerichtsakten, Polizeiberichte, ärztliche Gutachten und Zeitungsmeldungen erzählen vor allem, was andere über sie dachten. Eigene Briefe, Tagebücher oder Erinnerungen sind selten erhalten. Vieles wurde verloren, versteckt oder gezielt vernichtet.

Dazu kommt die Sprache. Das Wort „trans“ in seiner heutigen Bedeutung ist jung. Stell dir eine Person vor, die vor 300 Jahren in Männerkleidung lebte und als Mann arbeitete. Ob sie sich heute als trans Mann bezeichnen würde, kann niemand sicher sagen. Historiker*innen gehen deshalb vorsichtig mit rückwirkenden Etiketten um. Was wir wissen, ist ein Ausschnitt. Was fehlt, sind vor allem die Stimmen der Menschen, um die es geht.

Alte, abgenutzte Bücher mit verblassten Buchrücken im Regal
Foto: Paul Coenen / Unsplash

Ein kurzer Blick vor das 20. Jahrhundert

Schon aus der Antike gibt es Berichte über Menschen, die Geschlechtergrenzen überschritten, etwa in Mythen oder im Umfeld religiöser Kulte. Wie diese Menschen sich selbst verstanden, lässt sich aus den Texten kaum ablesen. Viele Gesellschaften außerhalb Europas kennen außerdem seit Langem Rollen jenseits von Mann und Frau. Diese Konzepte haben ihre eigene Geschichte und sind keine Vorstufe westlicher Begriffe. Einen Überblick gibt der Artikel über Kulturen mit mehr als zwei Geschlechtern.

In Europa galten Menschen, die in der „falschen“ Kleidung lebten, über Jahrhunderte vor allem als Fall für Kirche, Polizei und Gericht. Erst im späten 19. Jahrhundert begann die Medizin, sich systematisch für sie zu interessieren. Das brachte neue Begriffe und manchmal Hilfe, aber auch neue Formen der Kontrolle.

Berlin um 1900: Hirschfeld und die ersten Operationen

Im Zentrum dieser Entwicklung stand Berlin. Der Arzt Magnus Hirschfeld kämpfte ab den 1890er-Jahren gegen die Strafbarkeit von Homosexualität und beschäftigte sich zugleich mit Menschen, deren Empfinden nicht zum zugewiesenen Geschlecht passte. 1910 veröffentlichte er ein Buch, in dem er den Begriff „Transvestit“ prägte. Damals umfasste das Wort viel mehr als heute, auch Menschen, die man jetzt trans nennen würde. Heute gilt es als überholt.

1919 gründete Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft. Es war Forschungsstelle und Beratungsort, für manche auch Arbeitsplatz. Um 1930 und 1931 fanden im Umfeld des Instituts einige der ersten dokumentierten geschlechtsangleichenden Operationen statt. Zu den bekanntesten Patientinnen gehören Dora Richter und die dänische Malerin Lili Elbe, die 1931 nach einer weiteren Operation starb. Die Chirurgie stand am Anfang, die Risiken waren hoch. Mehr über sein Leben steht im Porträt von Magnus Hirschfeld.

1933 bis 1945: Zerstörung und Verfolgung

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese Phase abrupt. Am 6. Mai 1933 drangen Studenten und SA-Männer in das Institut ein und schleppten Bücher, Akten und Fotos heraus. Wenige Tage später verbrannte ein großer Teil davon öffentlich in Berlin. Hirschfeld war zu dieser Zeit bereits im Ausland und kehrte nie zurück.

Für queere Menschen begann eine Zeit der Verfolgung. 1935 verschärfte das Regime den Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern bestrafte. Tausende wurden verurteilt, viele in Konzentrationslager verschleppt. Wie gezielt trans Menschen verfolgt wurden, ist weniger gut erforscht. Belegt ist, dass manche als homosexuell eingestuft, inhaftiert oder in Lager gebracht wurden und dass polizeiliche Bescheinigungen, die ihnen zuvor ein Leben in der passenden Kleidung erleichtert hatten, keinen Schutz mehr boten.

Die Anerkennung als Opfer kam spät. Erst 2023 widmete der Bundestag seine jährliche Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus erstmals ausdrücklich queeren Verfolgten.

Nach dem Krieg: Christine Jorgensen und die Medizin

Nach 1945 dauerte es, bis trans Menschen wieder öffentlich vorkamen. Ein Einschnitt war das Jahr 1952. Die US-Amerikanerin Christine Jorgensen hatte sich in Dänemark behandeln lassen, und als ihre Geschichte bekannt wurde, berichteten Zeitungen weltweit. Sie gehörte zu den ersten trans Frauen, die so breit sichtbar wurden, und trat danach selbst öffentlich auf.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden in mehreren Ländern spezialisierte Kliniken. Für viele war das der erste Zugang zu Hormonen und Operationen. Gleichzeitig entschieden Ärzt*innen, wer als „echt“ galt. Wer nicht in starre Vorstellungen passte, etwa weil die Person nicht heterosexuell war oder sich weder als Mann noch als Frau verstand, bekam oft keine Behandlung. Dieses Denken prägte Gesetze und Gutachten noch lange. In dieser Zeit verbreitete sich auch der Begriff „transsexuell“. Warum viele ihn heute meiden, erklärt der Text über überholte Bezeichnungen.

Stonewall und die Bewegung danach

Am frühen Morgen des 28. Juni 1969 durchsuchte die Polizei in New York das Stonewall Inn, eine Bar in der Christopher Street. Razzien waren damals Alltag. Diesmal wehrten sich die Gäste, und daraus wurden mehrere Nächte voller Proteste. Zu denen, die die Bewegung danach prägten, gehörten trans Frauen und Dragqueens wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera. Die beiden gründeten 1970 eine Gruppe, die obdachlosen jungen queeren Menschen half.

Ein Jahr nach dem Aufstand zogen in mehreren US-Städten die ersten Pride-Märsche durch die Straßen. In Deutschland folgten 1979 die ersten Demonstrationen zum Christopher Street Day, unter anderem in Berlin und Bremen. Trans Menschen waren dabei, mussten aber auch in der Bewegung oft um ihren Platz kämpfen. Die ganze Geschichte erzählt der Artikel über den Aufstand von Stonewall und den CSD.

Deutschland: vom Transsexuellengesetz zur Selbstbestimmung

Die Bundesrepublik gehörte zu den ersten Staaten mit einem eigenen Gesetz. Das Transsexuellengesetz (TSG) trat am 1. Januar 1981 in Kraft. Es erlaubte, Vornamen und Geschlechtseintrag zu ändern, aber nur über ein Gerichtsverfahren mit zwei Gutachten. Für den neuen Eintrag verlangte es ursprünglich unter anderem eine Operation und dauerhafte Unfruchtbarkeit.

Das Bundesverfassungsgericht erklärte in den folgenden Jahrzehnten mehrfach Teile davon für verfassungswidrig. 2011 fielen die Pflicht zur Operation und die Pflicht zur Unfruchtbarkeit. 2017 verlangte das Gericht eine Lösung für Menschen, die weder männlich noch weiblich eingetragen werden können, die sogenannte dritte Option. Seit Dezember 2018 gibt es den Eintrag divers, anfangs nur für intergeschlechtliche Menschen mit ärztlichem Nachweis.

Am 1. November 2024 löste das Selbstbestimmungsgesetz das TSG ab. Seitdem genügt eine Erklärung beim Standesamt. Laut Koalitionsvertrag soll das Gesetz evaluiert werden, Ergebnisse liegen Stand November 2026 noch nicht vor. Auch die Medizin hat ihren Blick verändert: In der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation, die seit dem 1. Januar 2022 gilt, steht Geschlechtsinkongruenz im Kapitel zur sexuellen Gesundheit und nicht mehr bei den psychischen Störungen.

Zeitleiste: gesicherte Daten auf einen Blick

DatumEreignis
1910Hirschfeld prägt den Begriff „Transvestit“
1919Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin
1930/31Frühe geschlechtsangleichende Operationen im Umfeld des Instituts
6. Mai 1933Plünderung des Instituts, kurz darauf Bücherverbrennung
1952Christine Jorgensen wird weltweit bekannt
28. Juni 1969Razzia und Aufstand im Stonewall Inn, New York
1970Erste Pride-Märsche in den USA
1979Erste CSDs in Deutschland, unter anderem in Berlin und Bremen
1. Januar 1981Das TSG tritt in Kraft
2011Bundesverfassungsgericht kippt Operations- und Sterilisationspflicht
2017Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur dritten Option
Dezember 2018Der Eintrag „divers“ wird eingeführt
1. Januar 2022Die ICD-11 der WHO tritt in Kraft
1. November 2024Das Selbstbestimmungsgesetz tritt in Kraft

Die Liste zeigt bis heute nur die großen Wegmarken. Weitere Themen zu Symbolen, Aktionstagen und Kultur findest du im Bereich Wissen und Hintergrund.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Darf man historische Personen nachträglich als trans bezeichnen?

Da ist Vorsicht gefragt. Wenn eine Person selbst beschrieben hat, wie sie sich erlebt, kann man sich darauf stützen. Fehlen eigene Aussagen, ist es ehrlicher, das Verhalten zu beschreiben, etwa dass jemand jahrzehntelang als Mann lebte, statt ein heutiges Etikett aufzukleben. Umgekehrt sollte man solche Menschen auch nicht vorschnell zu „verkleideten“ Frauen oder Männern erklären. Beides ist eine Deutung von außen.

Gibt es in Deutschland Orte, die an queere NS-Opfer erinnern?

Ja. In Berlin steht im Tiergarten ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. In mehreren Städten erinnern außerdem Gedenktafeln und Stolpersteine an einzelne Verfolgte. Trans Menschen werden dabei bisher seltener namentlich sichtbar, weil ihre Schicksale schlechter dokumentiert sind. Lokale Geschichtsinitiativen und queere Archive arbeiten daran, diese Lücken zu schließen, und bieten teils Führungen an.

Was waren die „kleine“ und die „große Lösung“ im TSG?

So nannte man im Alltag die beiden Wege, die das Transsexuellengesetz vorsah. Die kleine Lösung bedeutete, nur den Vornamen zu ändern. Die große Lösung betraf auch den Geschlechtseintrag im Personenstand. Für beide Wege waren ein Gerichtsverfahren und zwei Gutachten nötig. Die zusätzlichen Hürden der großen Lösung, etwa die Operationspflicht, hob das Bundesverfassungsgericht später auf.

Wo kann ich tiefer in die Geschichte von trans Menschen einsteigen?

Gute Anlaufstellen sind queere Archive und Museen, etwa das Schwule Museum in Berlin, das sich auch mit trans Geschichte befasst. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld fördert Forschung und Bildungsprojekte zum Thema. Viele Städte haben lokale Initiativen, die Stadtrundgänge oder Vorträge anbieten. Achte bei Büchern darauf, ob sie trans Menschen selbst zu Wort kommen lassen oder nur über sie schreiben.

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