Identitäten
Agender: Wenn sich kein Geschlecht richtig anfühlt
Agender Menschen haben kein Geschlecht oder fühlen sich keinem zugehörig. Hier erfährst du, wie sich das anfühlen kann, wie du agender Menschen ansprichst und was ihre Flagge erzählt.
Was agender bedeutet
Agender beschreibt Menschen, die kein Geschlecht haben oder sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Das „a“ am Anfang kommt aus dem Griechischen und bedeutet „ohne“, wie bei „atypisch“ oder „asexuell“. Die Bedeutung ist also wörtlich: ohne Geschlecht.
Wie Menschen das erleben, unterscheidet sich. Manche spüren an der Stelle, wo andere ein Geschlechtsgefühl haben, schlicht nichts. Andere haben durchaus eine Identität, aber sie hat nichts mit Frau oder Mann zu tun. Wieder andere empfinden Geschlecht als Kategorie, die auf sie einfach nicht anwendbar ist. Ein typischer Gedanke wäre: „Wenn mich jemand fragt, ob ich mich eher als Frau oder als Mann fühle, verstehe ich die Frage nicht.“
Wenn sich kein Geschlecht richtig anfühlt, weder Frau noch Mann noch etwas dazwischen, kann agender das passende Wort sein. Agender gehört zum nicht-binären Spektrum. Viele agender Menschen sehen sich auch als trans, weil ihr Geschlecht nicht dem bei der Geburt zugewiesenen entspricht. Andere verwenden den Begriff trans für sich nicht. Beides ist legitim.
Agender, neutrois, genderlos: Wo die Unterschiede liegen
Rund um agender gibt es einige verwandte Begriffe, die sich überschneiden. Viele Menschen nutzen sie fast austauschbar, andere legen Wert auf feine Unterschiede.
- Genderlos ist die deutsche Entsprechung und meint meist dasselbe wie agender. Das Wort „geschlechtslos“ meiden viele, weil es nach dem Körper klingt und nicht nach der Identität.
- Neutrois beschreibt ein neutrales Geschlecht. Für manche ist das ein Unterschied: Neutrois heißt eher „ein Geschlecht, das neutral ist“, agender eher „kein Geschlecht“. Neutrois wird außerdem öfter mit dem Wunsch verbunden, dass der Körper geschlechtsneutraler wirkt.
- Genderflux passt zu Menschen, deren Geschlechtsgefühl mal stärker, mal schwächer ist und zeitweise ganz verschwindet. Sie sind dann sozusagen phasenweise agender.
Welcher Begriff stimmt, entscheidet die Person selbst. Wenn jemand sagt „Ich bin agender“, musst du nicht prüfen, ob neutrois vielleicht besser passen würde.
Wie sich agender anfühlen kann
Manche agender Menschen beschreiben, dass sie lange nicht verstanden haben, warum Geschlecht anderen so wichtig ist. Sätze wie „als Frau fühle ich mich so und so“ oder „typisch Mann“ wirken auf sie fremd. Das ist nicht unbedingt ein Leiden, kann aber ein Gefühl von Fremdheit auslösen, wenn alle um einen herum ganz selbstverständlich ein Geschlecht haben.
Ob agender Menschen Dysphorie erleben, ist sehr unterschiedlich. Manche fühlen sich in ihrem Körper wohl und stören sich nur daran, dass andere sie in eine Schublade stecken. Andere empfinden bestimmte geschlechtlich geprägte Merkmale als unpassend, etwa eine Brust, Bartwuchs oder eine Stimme, die sehr eindeutig klingt. Wieder andere spüren vor allem soziale Dysphorie: Das Unbehagen kommt, wenn sie als Frau oder Mann angesprochen werden.
Agender zu sein heißt übrigens nicht, keine Persönlichkeit, keinen Stil oder keine Gefühle für andere zu haben. Agender Menschen können sich schminken, Anzüge tragen, Fußball spielen und sich verlieben. Sie lassen nur das Etikett Geschlecht weg. Agender ist auch nicht dasselbe wie asexuell. Das eine betrifft das Geschlecht, das andere die sexuelle Anziehung. Manche Menschen sind beides, viele nicht.
Pronomen und Ansprache für agender Menschen
Feste „agender Pronomen“ gibt es nicht. Jede agender Person entscheidet selbst, wie sie angesprochen werden möchte. Manche verzichten im Deutschen ganz auf Pronomen und bitten darum, einfach den Namen zu verwenden. Andere nutzen Neopronomen wie „xier“ oder „dey“. Und manche sind mit „sie“ oder „er“ einverstanden, weil ihnen das Thema nicht so wichtig ist oder weil es im Alltag einfacher ist.
Wenn du unsicher bist, frag nach. Und wenn dir die Antwort ungewohnt ist, übe ruhig erst im Kopf, bevor du im Gespräch stolperst. Bei der Anrede helfen neutrale Formen: „Hallo Kim“ statt „Liebe Kim“, „Guten Tag Kim Muster“ statt „Sehr geehrte Frau Muster“. Das wirkt am Anfang ungewohnt und ist nach ein paar Mal ganz normal.
Die Agender-Flagge und ihre Farben
Die Agender-Flagge entwarf Salem X im Jahr 2014. Die Flagge besteht aus sieben waagerechten Streifen: Schwarz, Grau, Weiß, Hellgrün, Weiß, Grau, Schwarz. Weil sie symmetrisch ist, kann man sie nicht falsch herum aufhängen.
Schwarz und Weiß stehen für das Fehlen von Geschlecht. Grau steht für Menschen, die sich teilweise ohne Geschlecht erleben. Das Hellgrün in der Mitte steht für nicht-binäre Geschlechter. Oft wird erklärt, dass Grün hier als Gegenfarbe zu Lila gewählt wurde, das eine Mischung aus den klassischen Farben Rosa und Blau ist. Mehr zu den Flaggen der Community und ihren Geschichten findest du im Artikel über Pride-Flaggen.
Agender und der Geschlechtseintrag
In Deutschland können agender Menschen seit dem Selbstbestimmungsgesetz ihren Geschlechtseintrag per Erklärung beim Standesamt ändern. Für viele passt die Option „keine Angabe“ am besten, also die Streichung des Eintrags. Auch der Eintrag divers ist möglich. Die Erklärung muss drei Monate vorher angemeldet werden, Gutachten braucht es nicht.
Eine Änderung ist aber keine Voraussetzung, um agender zu sein. Manche lassen alles, wie es ist, etwa weil ihnen Reisen wichtig sind: Bei divers oder ohne Angabe steht im Reisepass ein „X“, und nicht jedes Land geht damit unkompliziert um. Das ist eine praktische Abwägung, keine Frage der Echtheit.
Agender im Alltag
Der Alltag fragt erstaunlich oft nach Geschlecht. In der Arztpraxis, bei der Bank, im Onlineshop, im Sportverein: Fast überall gibt es ein Feld mit Frau oder Mann, manchmal noch divers. Für agender Menschen ist jedes dieser Felder eine kleine Frage ohne passende Antwort. Viele entwickeln pragmatische Routinen, kreuzen an, was am wenigsten stört, und sparen ihre Energie für Situationen, die ihnen wirklich wichtig sind.
In Freundschaften und Beziehungen hilft Offenheit meist mehr als eine perfekte Erklärung. Du musst niemandem beweisen, dass es dich gibt. Ein Satz wie „Ich habe kein Geschlecht, nenn mich einfach beim Namen“ reicht oft schon für den Anfang. Wer dich mag, wird Fragen stellen, und die meisten davon lassen sich in Ruhe beantworten.
Wie du agender Menschen unterstützen kannst
- Nimm die Bezeichnung ernst, auch wenn du dir „kein Geschlecht“ schwer vorstellen kannst. Du musst es nicht nachfühlen, um es zu respektieren.
- Frag nicht, „was du denn eigentlich bist“. Die Antwort lautet: agender.
- Achte auf Sprache in Gruppen. „Hallo zusammen“ schließt alle ein, „Hallo Mädels und Jungs“ nicht.
- Schließ nicht vom Aussehen auf das Geschlecht. Agender Menschen müssen nicht androgyn aussehen.
Weitere Geschlechtsidentitäten und verwandte Begriffe findest du in unserem Überblick über alle Identitäten.
Häufige Fragen
Wie merke ich, ob ich agender bin?
Einen Test dafür gibt es nicht. Hinweise können sein, dass sich sowohl „Frau“ als auch „Mann“ wie ein Kostüm anfühlen, dass dich eine neutrale Ansprache entspannt oder dass dir die Frage nach deinem Geschlecht schlicht leer vorkommt. Probier in einem sicheren Rahmen aus, wie sich die Bezeichnung anfühlt, etwa im Tagebuch oder mit einer vertrauten Person. Du kannst sie jederzeit wieder ablegen.
Wollen agender Menschen medizinische Schritte?
Manche ja, viele nicht. Wer Dysphorie wegen bestimmter Körpermerkmale hat, wünscht sich vielleicht eine Brustoperation, eine Hormontherapie, Haarentfernung oder Stimmtraining. Andere sind mit ihrem Körper zufrieden und brauchen nur eine respektvolle Ansprache. Welche Schritte sinnvoll sind, klärst du am besten mit qualifizierten Fachleuten, die Erfahrung mit nicht-binären Menschen haben. Medizin ist keine Voraussetzung dafür, agender zu sein.
Kann sich das im Lauf des Lebens ändern?
Ja, das kann passieren. Manche Menschen sind ihr ganzes Leben agender, andere finden später eine Bezeichnung, die besser passt, etwa genderflux oder demigender. Das macht die frühere Identität nicht falsch. Menschen lernen sich mit der Zeit besser kennen, und Sprache entwickelt sich weiter. Wichtig ist, was jetzt für dich stimmt, und dass du dir erlaubst, offen zu bleiben.
Welche Begriffe gibt es für die sexuelle Orientierung, wenn man agender ist?
Wörter wie hetero, schwul oder lesbisch setzen ein eigenes Geschlecht voraus und passen deshalb für viele agender Menschen nicht. Viele nennen sich einfach queer. Andere beschreiben nur, zu wem sie sich hingezogen fühlen, etwa mit den Fachbegriffen gynäphil für Anziehung zu Frauen und androphil für Anziehung zu Männern. Auch bi oder pan funktionieren gut, weil sie ohne eigenes Geschlecht auskommen.
Passt dazu
Du brauchst gerade jemanden zum Reden?
Wir bieten keine Beratung an. Es gibt aber Menschen, die genau dafür da sind, kostenlos und auf Wunsch anonym.
- TelefonSeelsorge, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
- Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111
- Queere Anlaufstellen in deiner Nähe findest du im Überblick zu Beratung und Selbsthilfe.