Drag als Kunstform: Wie Dragqueens und Dragkings mit Geschlecht spielen

Perücke, Glitzer, große Geste: Drag ist eine Bühnenkunst, die Geschlechterrollen übertreibt, verdreht und hinterfragt. Hier geht es um Formen, Geschichte und Debatten, und um die Frage, was Drag mit trans sein zu tun hat.

Was Drag eigentlich ist

Drag ist Performance. Menschen schaffen eine Bühnenfigur, die mit Geschlecht spielt: mit Kleidung, Make-up, Perücken, Körpersprache, Stimme und einem eigenen Namen. Meist wird dabei übertrieben, was eine Gesellschaft für typisch weiblich oder typisch männlich hält. Gerade diese Übertreibung macht sichtbar, wie viel an Geschlechterrollen erlernt und gespielt ist.

Was auf der Bühne passiert, ist sehr unterschiedlich. Manche singen live, andere machen Lip-Sync zu Musik. Es gibt Comedy, Tanz, Moderation, politisches Kabarett und reine Glamour-Shows. Drag als Kunstform lebt von Handwerk: Make-up, das auf zehn Meter Entfernung wirkt, selbst genähte Kostüme, Timing. Viele Künstler*innen stecken Jahre in ihre Figur. Woher das Wort „Drag“ kommt, ist übrigens nicht sicher geklärt. Die beliebte Erklärung als Abkürzung gilt als nachträgliche Legende.

Dragqueens, Dragkings und alles dazwischen

Die bekannteste Form sind Dragqueens: Künstler*innen, die eine überzeichnete weibliche Figur spielen. Lange waren das vor allem schwule Männer, heute stehen auch Frauen, trans und nicht-binäre Menschen als Queens auf der Bühne. Dragkings sind das Gegenstück. Sie spielen mit Männlichkeit, mit angeklebtem Bart, breitem Gang und Machogesten, und nehmen dabei oft gezielt männliches Imponiergehabe aufs Korn. Dragkings sind weniger bekannt, die Szene ist aber lebendig.

Daneben gibt es Formen, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen. Manche Künstler*innen mischen bewusst Weibliches und Männliches, tragen Bart und Abendkleid zugleich. Andere entwerfen Fantasiewesen, Monster oder Figuren, die mit Geschlecht kaum noch etwas zu tun haben. Wie Menschen ihr Äußeres gestalten, gehört zum Geschlechtsausdruck. Drag treibt das bewusst auf die Spitze.

Von der Shakespeare-Bühne bis zum Kabarett

Männer in Frauenrollen sind auf Bühnen uralt. Im Theater zu Shakespeares Zeit durften Frauen in England nicht auftreten, also spielten junge Männer Julia, Ophelia und Lady Macbeth. Im japanischen Kabuki entstand die Kunst der Onnagata, männlicher Darsteller, die sich auf Frauenrollen spezialisieren. Das war noch kein Drag im heutigen Sinn, zeigt aber, wie selbstverständlich Bühnen schon immer mit Geschlecht gespielt haben.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Rollenwechsel zur eigenen Unterhaltungsform, in Varieté, Music Hall und Kabarett. In Deutschland ist dafür lange der Begriff Travestie üblich gewesen. Im Berlin der 1920er Jahre gab es Lokale, in denen Menschen auftraten und feierten, die nicht in die Geschlechternormen passten. Die Nationalsozialisten beendeten diese Szene brutal. Wie eng Drag, queeres Leben und trans Geschichte verbunden sind, zeigt auch die Bewegung nach dem Aufstand im Stonewall Inn 1969, die Dragqueens und trans Frauen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera prägten. Mehr dazu steht unter Stonewall und der CSD.

Ballroom-Kultur: Familie, Wettkampf, Voguing

Eine eigene Welt entstand in New York. Schwarze und Latino queere und trans Menschen organisierten dort Bälle, bei denen sie in Kategorien gegeneinander antraten: Mode, Tanz, Auftreten, und oft die Frage, wie überzeugend jemand eine bestimmte Rolle verkörpert. Aus diesen Bällen stammt der Tanzstil Voguing, der später durch Popmusik weltbekannt wurde.

Herzstück der Ballroom-Kultur sind die Houses. Das sind Wahlfamilien mit einer Mother oder einem Father an der Spitze, die jungen Menschen Halt geben, die von ihren Herkunftsfamilien verstoßen wurden. Die Dokumentation „Paris Is Burning“ von 1990 machte diese Szene einem großen Publikum bekannt, später auch die Serie „Pose“. Ballroom ist nicht einfach Drag, beides überschneidet sich aber stark, und viele Begriffe der heutigen Dragszene kommen von dort.

Seit Ende der 2000er Jahre haben Castingshows im Fernsehen Drag einem Massenpublikum nahegebracht. Das hat vielen Künstler*innen Bühnen und Einkommen verschafft. Kritik gibt es trotzdem: Die Shows setzen oft einen bestimmten, sehr aufwendigen Stil als Maßstab, und kleinere, rauere oder politischere Formen geraten leicht in den Hintergrund.

Drag ist keine Identität, trans Menschen machen trotzdem Drag

Ein häufiges Missverständnis: Dragqueens seien trans Frauen, oder trans Frauen seien eine Art Dragqueen. Beides stimmt nicht. Drag ist etwas, das man macht, eine Rolle mit Anfang und Ende. Wer nach der Show abschminkt, ist wieder die Person, die sie vorher war. Trans sein beschreibt dagegen das eigene Geschlecht, auf der Bühne genauso wie beim Einkaufen.

Gleichzeitig schließen sich beide Dinge nicht aus. Es gibt trans Frauen, die als Dragqueen auftreten, trans Männer, die Dragkings sind, und nicht-binäre Menschen, die auf der Bühne mit allem spielen. Für manche war Drag ein geschützter Raum, um ein anderes Geschlecht auszuprobieren, und sie haben darüber später gemerkt, dass sie trans sind. Andere machen seit Jahrzehnten Drag und sind cis. Der Unterschied zu privatem Crossdressing liegt vor allem in der Bühne. Mehr dazu erklärt der Artikel über Crossdressing.

Streit um Drag: Lesungen für Kinder und andere Debatten

In den letzten Jahren sind Lesungen, bei denen Dragqueens in Bibliotheken oder Buchläden Kinderbücher vorlesen, zum Streitthema geworden. In den USA haben mehrere Bundesstaaten versucht, Drag-Auftritte gesetzlich einzuschränken, teils mit Erfolg, teils wurden die Gesetze von Gerichten gestoppt. Auch in Deutschland gab es Proteste vor Bibliotheken und heftige Debatten in Stadträten.

Kritiker*innen sagen, Drag gehöre ins Nachtleben und sei nicht für Kinder gemacht. Manche Eltern sorgen sich, ihre Kinder würden ungefragt mit Themen rund um Geschlecht und Sexualität konfrontiert. Befürworter*innen halten dagegen, dass es bei diesen Lesungen um Kinderbücher, bunte Kostüme und Fantasie geht, nicht um Sexualität. Sie sehen in den Auftritten eine Möglichkeit, Kindern zu zeigen, dass Menschen verschieden sein dürfen. Und sie betonen, dass niemand gezwungen wird, hinzugehen.

Eine faire Antwort hängt am Inhalt. Eine Show im Nachtclub ist etwas anderes als eine Vorlesestunde am Nachmittag, genau wie ein Kabarettprogramm etwas anderes ist als ein Kinderkonzert. Viele Künstler*innen passen ihre Auftritte für junges Publikum entsprechend an. Was dabei oft untergeht: Wenn Drag pauschal als Gefahr für Kinder dargestellt wird, trifft das am Ende auch trans Menschen, die mit Drag gar nichts zu tun haben.

Daneben gibt es eine ältere Debatte innerhalb von Feminismus und queerer Szene. Einige sehen in Dragqueens eine Parodie auf Frauen, die weibliche Klischees ins Lächerliche zieht. Andere sehen darin gerade eine Kritik an starren Bildern von Weiblichkeit, weil die Übertreibung zeigt, wie künstlich diese Bilder sind.

Drag erleben und respektvoll begegnen

Drag gibt es heute in kleinen Bars, auf CSD-Bühnen, in Theatern und in Fernsehshows. Wer eine Show besucht, erlebt meist Humor, Musik und ein Publikum, das mitgeht. Ein paar Dinge machen den Abend für alle angenehmer:

  • Sprich die Figur mit ihrem Bühnennamen an. Wie die Person privat heißt, geht dich nichts an.
  • Fass niemanden ungefragt an, auch nicht Perücke oder Kostüm. Das ist Arbeitsmaterial und oft teuer.
  • Trinkgeld ist in vielen Bars üblich und ein direkter Weg, die Künstler*innen zu unterstützen.
  • Schließ nicht vom Bühnenauftritt auf Identität oder Orientierung der Person dahinter.

Wenn dich interessiert, wie Bilder von Geschlecht in Kultur und Geschichte entstehen, findest du im Bereich Wissen weitere Artikel, etwa zur Darstellung von trans Menschen in Film und Fernsehen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Muss man schwul sein, um Drag zu machen?

Nein. Die moderne Dragszene ist stark von schwulen Männern geprägt, und viele Clubs und Shows kommen aus dieser Kultur. Drag machen aber Menschen aller Geschlechter und Orientierungen: lesbische und heterosexuelle Frauen, trans und nicht-binäre Menschen, auch heterosexuelle Männer. Entscheidend ist die Lust an der Bühne und am Spiel mit Geschlechterrollen, nicht, wen man privat liebt. Die Szene ist in den letzten Jahren deutlich vielfältiger geworden.

Welche Pronomen benutze ich für eine Dragqueen?

Für die Bühnenfigur einer Dragqueen sind meist „sie“ und „ihr“ üblich, für einen Dragking „er“ und „ihm“. Außerhalb der Rolle kann das anders sein, denn viele Künstler*innen nutzen privat andere Pronomen als auf der Bühne. Wenn du unsicher bist, achte darauf, wie die Person sich selbst vorstellt, oder frag einfach freundlich nach. Das ist in der Szene völlig normal und wird selten übel genommen.

Ist Travestie dasselbe wie Drag?

Die Begriffe überschneiden sich stark und werden oft gleich benutzt. Travestie ist das ältere Wort im deutschsprachigen Raum und steht vor allem für klassische Showprogramme mit Glamour, Parodie und großen Revuen. Drag ist breiter und umfasst auch Kings, politische Performance, Clubkultur und experimentelle Formen. Manche Künstler*innen nennen sich bewusst Travestiekünstler*in, andere Dragqueen. Welche Bezeichnung jemand wählt, sagt oft etwas über die Bühnentradition, aus der die Person kommt.

Wie fange ich selbst mit Drag an?

Viele beginnen ganz klein, zu Hause vor dem Spiegel, mit Make-up-Videos und alten Kleidern aus dem Second-Hand-Laden. In größeren Städten gibt es Workshops und offene Bühnen, auf denen Neulinge erste Auftritte wagen können. Du brauchst am Anfang weder teure Perücken noch eine fertige Figur. Hilfreich ist Kontakt zur lokalen Szene, denn erfahrene Künstler*innen geben ihr Wissen oft gern weiter. Und erlaubt ist, was dir Spaß macht.

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