Mehr als zwei Geschlechter: Wie andere Kulturen Geschlecht denken

Die Einteilung in genau zwei Geschlechter ist nicht überall selbstverständlich. Hier lernst du sechs Beispiele aus Südasien, Nordamerika, Ozeanien, Mexiko, Indonesien und Thailand kennen und erfährst, warum man sie nicht einfach mit westlichen Begriffen gleichsetzen sollte.

Warum zwei Geschlechter nicht überall die Regel sind

In Deutschland wirkt die Einteilung in Mann und Frau oft wie ein Naturgesetz. Ein Blick in andere Teile der Welt zeigt: Viele Gesellschaften haben Geschlecht anders geordnet, manche seit Jahrhunderten. Sie kennen Rollen, Namen und Aufgaben für Menschen, die weder einfach Mann noch einfach Frau sind. Es gibt also mehr als zwei Geschlechter, jedenfalls in dem Sinn, dass Kulturen mehr als zwei soziale Kategorien geschaffen haben.

Wie Kulturen Geschlecht denken, zeigt sich dabei in sehr verschiedenen Dingen: in der Sprache, in der Arbeitsteilung, in Ritualen, im Familienleben und im Recht. Manchmal steht die Kleidung im Vordergrund, manchmal eine religiöse Aufgabe, manchmal die Stellung in der Verwandtschaft.

Dieser Überblick über Geschlechtervielfalt weltweit stellt sechs bekannte Beispiele vor. Er kann nur an der Oberfläche bleiben. Jede dieser Traditionen hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Streitfragen und Menschen, die sie sehr unterschiedlich leben. Wo es ausführliche Artikel gibt, verlinken wir darauf, statt alles zu wiederholen.

Hijra und Two-Spirit: zwei bekannte Beispiele

In Südasien, vor allem in Indien, Pakistan und Bangladesch, leben Hijra. Sie bilden eine Gemeinschaft mit eigenen Strukturen, Ritualen und einer langen Geschichte. Indiens Oberstes Gericht hat sie 2014 als drittes Geschlecht anerkannt. Wie die Gemeinschaft organisiert ist und was die Kolonialzeit verändert hat, steht im Artikel über Hijra in Indien, Pakistan und Bangladesch.

Den Sammelbegriff Two-Spirit haben indigene Menschen aus Nordamerika 1990 bei einem Treffen in Winnipeg eingeführt. Er überspannt viele verschiedene Traditionen einzelner Nationen, die jeweils eigene Wörter haben. Warum der Begriff indigenen Menschen vorbehalten ist, erklärt der Text über Two-Spirit als indigene Selbstbezeichnung.

Fa'afafine auf Samoa

Auf Samoa und in samoanischen Gemeinschaften im Ausland gibt es Fa'afafine. Das Wort lässt sich ungefähr mit „auf die Art einer Frau“ übersetzen. Gemeint sind Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die eine weibliche oder eigene Geschlechterrolle leben. Viele sind fest in ihre Familien eingebunden und übernehmen dort Aufgaben, die als weiblich gelten.

Fa'afafine sind sichtbarer Teil der samoanischen Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass es keine Ablehnung gibt. Samoa ist stark christlich geprägt, und Akzeptanz hängt oft von Familie, Kirche und Umfeld ab. Viele Fa'afafine beschreiben sich nicht als trans oder schwul, sondern eben als Fa'afafine, als eigene samoanische Kategorie.

Muxe in Juchitán, Mexiko

In Juchitán im Süden Mexikos, im Bundesstaat Oaxaca, gibt es Muxe. Der Begriff stammt aus der Kultur der Zapotek*innen, einer indigenen Bevölkerungsgruppe. Muxe sind meist Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die weiblich konnotierte Kleidung, Arbeiten oder Rollen übernehmen. Viele verstehen sich als drittes Geschlecht, andere beschreiben sich anders. Das Wort selbst wird oft auf das spanische „mujer“ (Frau) zurückgeführt, das in der Kolonialzeit in die zapotekische Sprache gelangt sein soll.

Juchitán wird in Reportagen gern als Ort völliger Toleranz dargestellt. Das ist eine Verkürzung. Muxe gehören dort sichtbar zum Stadtleben und haben eigene Feste, erleben aber auch Ausgrenzung und Gewalt, zum Teil innerhalb der eigenen Familie. Ein ehrliches Bild zeigt beides.

Die fünf Geschlechter der Bugis

Die Bugis sind eine Bevölkerungsgruppe auf Sulawesi in Indonesien. In ihrer Tradition werden fünf Geschlechter unterschieden: Neben Frauen (makkunrai) und Männern (oroané) gibt es calabai, denen bei der Geburt meist das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die in einer weiblichen Rolle leben, und calalai, bei denen es umgekehrt ist. Die fünfte Gruppe sind die bissu. Sie gelten als Menschen, die männliche und weibliche Elemente vereinen, und hatten traditionell eine Aufgabe als rituelle Fachleute.

Die Bugis sind heute mehrheitlich muslimisch, und die älteren Traditionen stehen teils unter Druck. Vor allem die Rolle der bissu ist seltener geworden. Die Bugis zeigen gut, dass Geschlecht in einer Kultur mit religiösen und gesellschaftlichen Aufgaben verwoben sein kann und nicht nur eine Frage der persönlichen Identität ist.

Kathoey in Thailand

In Thailand ist Kathoey ein verbreiteter Begriff für Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die weiblich leben. Je nach Zusammenhang wird das Wort auch für feminine schwule Männer genutzt. Manche verwenden es selbst, andere empfinden es als abwertend und bevorzugen andere Bezeichnungen. Das im Tourismus verbreitete englische Wort „Ladyboy“ lehnen viele ab.

Kathoey sind in Thailand in Medien, Unterhaltung und Alltag sichtbar. Daraus wird oft geschlossen, das Land sei besonders offen. Sichtbarkeit bedeutet aber nicht automatisch gleiche Rechte: Eine Änderung des Geschlechtseintrags war in Thailand lange nicht möglich, und Diskriminierung in Familie und Beruf kommt vor.

Kolonialismus und der Fehler der Gleichsetzung

Viele dieser Traditionen erlebten mit der Kolonialisierung einen tiefen Bruch. Europäische Mächte brachten Missionen, Strafgesetze und die Vorstellung von genau zwei Geschlechtern mit festen Rollen mit. Britische Kolonialgesetze gegen „widernatürliche“ Handlungen wurden in viele Kolonien exportiert und wirkten dort teils noch lange nach der Unabhängigkeit fort. Wer heute sagt, Geschlechtervielfalt sei ein westlicher Import, dreht die Geschichte deshalb oft um.

Genauso falsch ist es, all diese Konzepte einfach mit westlichen Begriffen gleichzusetzen. Hijra, Muxe oder Fa'afafine sind keine „Wörter für trans“ in anderen Sprachen. Sie verbinden Geschlecht oft mit Familie, Religion, Arbeit und Gemeinschaft, auf eine Weise, die sich mit transgender oder nicht-binär nur teilweise deckt. Auch das Etikett „drittes Geschlecht“ ist eine Übersetzung von außen und passt nicht für alle.

Hinzu kommt, dass sich diese Traditionen selbst verändern. Durch Internet, Migration und internationale Bewegungen kennen viele jüngere Menschen heute auch Wörter wie trans, queer oder LGBT. Manche verbinden sie mit dem traditionellen Begriff, manche ersetzen ihn, manche lehnen die neuen Wörter bewusst ab. Es gibt also nicht die eine richtige Übersetzung, sondern Menschen, die selbst entscheiden, wie sie sich nennen.

Ein weiteres Risiko ist die Exotisierung. Diese Menschen sind keine Kulisse für Reisefotos und kein Beweis für eigene Thesen, egal von welcher Seite. Sie leben heute, mit Alltagssorgen, Rechten und Konflikten.

Wie du respektvoll darüber sprichst

  • Nutze die Begriffe, die die Menschen selbst verwenden, und übernimm sie nicht für dich, wenn du nicht zur jeweiligen Kultur gehörst.
  • Nenne Land und Gemeinschaft, statt von „den Naturvölkern“ oder „anderen Kulturen“ allgemein zu sprechen.
  • Sei skeptisch bei Reiseberichten und Dokus, die nur das Ungewöhnliche zeigen.
  • Hör auf Stimmen aus den Gemeinschaften selbst, wenn du tiefer einsteigen willst.

Wie sich der Blick auf Geschlecht in Europa verändert hat, erzählt die Geschichte von trans Menschen. Weitere Themen rund um Kultur und Hintergrund findest du im Bereich Wissen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Ist „drittes Geschlecht“ eine gute Bezeichnung für diese Kulturen?

Nur mit Einschränkung. Für manche Gruppen, etwa Hijra in Indien, wird der Ausdruck auch rechtlich verwendet und von vielen akzeptiert. Bei den Bugis gibt es aber fünf Kategorien, und Two-Spirit umfasst sehr verschiedene Rollen. Wer pauschal vom dritten Geschlecht spricht, zählt Geschlechter so, wie es westliche Medizin und Verwaltung gewohnt sind. Genauer ist es, die Eigenbezeichnung der jeweiligen Kultur zu nennen.

Gab es auch in Europa mehr als zwei Geschlechter?

Ob es in Europa eine feste dritte Geschlechterrolle gab, ist unter Forschenden umstritten. Diskutiert wird das etwa für Eunuchen im Byzantinischen Reich. Sicher gab es Menschen, die die Grenzen überschritten, und rechtliche Sonderregeln für Menschen mit uneindeutigen Körpern. Heute erkennen mehrere europäische Staaten weitere Geschlechtseinträge an, in Deutschland etwa „divers“ oder die Streichung des Eintrags.

Darf ich als Tourist*in Fotos von Kathoey oder Muxe machen?

Frag vorher, wie bei allen anderen Menschen auch. Viele erleben es als übergriffig, wenn sie ungefragt als Attraktion fotografiert werden. Bei Auftritten in Shows oder auf Festen gelten oft andere Regeln, aber auch dort ist Respekt wichtig. Vermeide Bildunterschriften, die Menschen auf ihr Geschlecht reduzieren oder mit herabsetzenden Wörtern beschreiben. Sie sind Menschen, keine Sehenswürdigkeit.

Gibt es weitere Kulturen mit mehr als zwei Geschlechtern?

Ja. Die sechs Beispiele in diesem Artikel sind besonders bekannt, aber nicht die einzigen. In verschiedenen Regionen Ozeaniens, Afrikas, Asiens und Amerikas gibt es oder gab es weitere Rollen und Begriffe. Manche sind gut erforscht, über andere weiß man wenig, oft nur aus Quellen von Außenstehenden. Wenn du auf ein Beispiel stößt, prüf, ob die Beschreibung von Menschen aus der Kultur selbst stammt.

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