Identitäten
Bigender: Zwei Geschlechter in einer Person
Bigender Menschen haben zwei Geschlechter, die gleichzeitig da sind oder sich abwechseln. Das müssen nicht Frau und Mann sein. Hier erfährst du, wie das aussehen kann, worin der Unterschied zu genderfluid liegt und was im Alltag hilft.
Was bigender bedeutet
Bigender beschreibt Menschen, die zwei Geschlechter haben. Die Vorsilbe „bi“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet zwei, wie bei „bilingual“, also zweisprachig. Die Bedeutung ist also schlicht: zwei Geschlechter in einer Person.
Wie diese beiden Geschlechter zusammenleben, ist unterschiedlich. Manche bigender Menschen spüren beide zur gleichen Zeit. Andere erleben sie im Wechsel, mal das eine, mal das andere. Und wieder andere kennen beides, je nach Phase. Gemeinsam ist allen, dass es genau zwei sind und dass beide fester Teil der eigenen Identität sind.
Bigender gehört zum nicht-binären Spektrum, weil das Geschlecht nicht nur eins von zweien ist. Manche bigender Menschen nennen sich auch trans, andere nicht. Wie bei allen Identitäten entscheidet die Person selbst, welche Wörter für sie passen.
Gleichzeitig oder im Wechsel
Die beiden Formen fühlen sich recht verschieden an. Darum lohnt ein genauerer Blick.
Gleichzeitig: Stell dir eine Person vor, die sich jeden Tag sowohl als Frau als auch als Mann erlebt. Nicht als Mischung, bei der beides zu einem neuen Geschlecht verschmilzt, sondern als zwei Teile, die nebeneinander bestehen. Ein typischer Satz wäre: „Ich bin beides, und zwar ganz.“
Im Wechsel: Eine andere Person fühlt sich an manchen Tagen deutlich weiblich, an anderen deutlich nicht-binär. Dazwischen gibt es nichts Drittes, sondern immer eines der beiden. Wie oft gewechselt wird, ist offen. Manche wechseln mehrmals pro Woche, andere nur ein paar Mal im Jahr.
Viele bigender Menschen beschreiben, dass beide Geschlechter für sie gleich echt sind. Keins davon ist die „eigentliche“ Identität und das andere nur eine Rolle.
Nicht immer Frau und Mann
Ein häufiges Missverständnis: Bigender heiße automatisch weiblich und männlich. Oft ist das so, aber nicht immer. Die beiden Geschlechter können ganz verschieden kombiniert sein, zum Beispiel:
- weiblich und agender
- männlich und nicht-binär
- weiblich und ein Geschlecht, für das die Person keinen genauen Namen hat
- zwei nicht-binäre Geschlechter, die sich für die Person deutlich voneinander unterscheiden
Wenn dir jemand sagt, dass er, sie oder dey bigender ist, kannst du also nicht davon ausgehen, welche zwei Geschlechter gemeint sind. Wenn es für euren Kontakt wichtig ist, frag nach. Wenn nicht, musst du es auch nicht wissen.
Bigender, genderfluid, androgyn: wo die Grenzen verlaufen
Nah verwandt ist genderfluid. Dort verändert sich das Geschlecht ebenfalls, aber die Zahl der Geschlechter ist offen. Eine genderfluide Person kann sich zwischen vielen Geschlechtern bewegen. Bei bigender sind es genau zwei, die sich abwechseln oder gemeinsam da sind. Bigender im Wechsel ist also gewissermaßen eine eingegrenzte Form von Fluidität. Manche Menschen nutzen beide Wörter.
Ein weiterer Nachbar ist androgyn. Als Identität beschreibt androgyn meist ein Geschlecht, das weibliche und männliche Anteile zu etwas Eigenem verbindet oder dazwischen liegt. Bigender Menschen erleben dagegen oft zwei getrennte Geschlechter statt einer Mischung. Und wer drei, viele oder alle Geschlechter erlebt, findet sich eher bei pangender und polygender wieder.
Die Grenzen sind fließend, und niemand muss die perfekte Kategorie finden. Eine saubere Abgrenzung ist eher für Außenstehende hilfreich, die verstehen wollen, worum es geht. Für bigender Menschen selbst zählt, ob das Wort ihr Erleben gut beschreibt.
Bigender im Alltag
Im Alltag zeigt sich bigender bei vielen über Kleidung, Name und Ansprache. Manche Menschen haben zwei Namen, die sie je nach Geschlecht nutzen, oder einen neutralen Namen, der für beide passt. Ideen dazu findest du im Artikel über das Finden eines neuen Namens. Andere wechseln den Kleidungsstil mit dem Geschlecht, wieder andere tragen immer etwas, das zu beiden passt.
Wer seine Geschlechter im Wechsel erlebt, steht oft vor der Frage, wie viel davon das Umfeld mitbekommen soll. Im engen Freundeskreis teilen manche jeden Wechsel. Im Job ist es für viele einfacher, eine Ansprache zu wählen, die beide Geschlechter halbwegs abdeckt. Das ist kein Verstecken, sondern eine Frage der Kraft. Nicht jede Umgebung ist bereit, täglich umzudenken.
Falls es im Job doch zu Ärger kommt: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt vor Benachteiligung wegen des Geschlechts, und nach herrschender Auffassung ist die Geschlechtsidentität davon erfasst. Was das konkret heißt und wo du Unterstützung findest, erklärt der Artikel über trans und nicht-binär am Arbeitsplatz. In einem Einzelfall hilft eine Beratungsstelle oder eine Anwältin oder ein Anwalt weiter.
Wer seine Geschlechter gleichzeitig erlebt, hat eher das Problem, dass die Welt nur ein Kästchen zum Ankreuzen anbietet. Formulare, Toiletten, Anreden: Überall soll man sich für eins entscheiden. Viele entwickeln pragmatische Routinen und sparen sich die Energie für Situationen, die ihnen wirklich wichtig sind.
Körper, Dysphorie und medizinische Fragen
Wie bigender Menschen ihren Körper erleben, ist sehr unterschiedlich. Manche fühlen sich wohl und brauchen vor allem eine passende Ansprache. Andere kennen Dysphorie, also ein Unbehagen mit bestimmten Körpermerkmalen oder damit, falsch gelesen zu werden. Bei Menschen, deren Geschlechter sich abwechseln, kann sich dieses Unbehagen mit dem Wechsel verschieben. Was an einem Tag stimmig ist, stört am nächsten.
Das macht Entscheidungen über medizinische Schritte nicht leichter. Manche bigender Menschen wünschen sich einzelne Veränderungen, etwa an der Stimme, an der Behaarung oder an der Brust. Andere wollen gar nichts verändern. Die deutsche Leitlinie für Erwachsene setzt auf individuelle Wege statt auf ein festes Stufenmodell. Wenn du über einen Schritt nachdenkst, sprich mit qualifizierten Fachleuten, die Erfahrung mit nicht-binären Menschen haben, und nimm dir Zeit.
Ansprache und Pronomen
Feste Pronomen für bigender gibt es nicht. Manche nutzen zwei Pronomen im Wechsel, etwa „sie“ und „er“, und sind mit beiden einverstanden. Manche wollen das Pronomen passend zum aktuellen Geschlecht. Andere bevorzugen ein neutrales Pronomen oder nur den Namen, gerade wenn beide Geschlechter gleichzeitig da sind.
Frag einfach, was gewünscht ist. Ein Satz wie „Sag mir gern, wie ich dich ansprechen soll“ ist meist angenehmer als langes Rätseln. Und wenn du dich vertust, korrigier dich kurz und mach weiter.
Missverständnisse über bigender
„Bigender heißt bisexuell.“ Nein. Bigender betrifft das eigene Geschlecht, bisexuell die Anziehung zu anderen. Eine bigender Person kann jede sexuelle Orientierung haben.
„Das sind zwei Persönlichkeiten.“ Auch nicht. Eine bigender Person ist eine Person mit einer Persönlichkeit und zwei Geschlechtern. Ihr Charakter, ihre Erinnerungen und ihre Beziehungen bleiben dieselben, egal welches Geschlecht gerade im Vordergrund steht.
„Die wollen sich nur nicht festlegen.“ Bigender Menschen haben sich sehr wohl festgelegt, nämlich auf zwei. Wie Geschlecht noch aussehen kann, zeigt der Überblick über alle Identitäten. Wer nicht zwei, sondern viele Geschlechter in sich erlebt, beschreibt sich manchmal als pangender oder polygender.
Häufige Fragen
Wie kann ich als bigender Person meinen Geschlechtseintrag wählen?
In Deutschland kannst du seit dem Selbstbestimmungsgesetz per Erklärung beim Standesamt zwischen männlich, weiblich, divers und keiner Angabe wählen. Keine dieser Optionen bildet zwei Geschlechter ab. Manche bigender Menschen wählen divers oder keine Angabe als Kompromiss, andere behalten ihren Eintrag. Beachte, dass nach einer Änderung ein Jahr Sperrfrist gilt und im Reisepass bei divers oder ohne Angabe ein „X“ steht.
Woran merke ich, ob ich bigender bin?
Ein Hinweis kann sein, dass sich zwei unterschiedliche Geschlechter für dich gleich echt anfühlen, entweder zusammen oder abwechselnd. Vielleicht passt eine Ansprache mal perfekt und an anderen Tagen eine ganz andere, aber nie etwas Drittes. Probier aus, wie sich das Wort anfühlt, etwa in einem Tagebuch oder im Gespräch mit einer vertrauten Person. Festlegen musst du dich nicht.
Wie sage ich meinem Freundeskreis, dass ich bigender bin?
Beginne mit dem, was sich für deine Freund*innen ändert: vielleicht ein zweiter Name, ein anderes Pronomen an manchen Tagen oder eine neutrale Ansprache. Danach kannst du erklären, dass du zwei Geschlechter hast. Ein Vergleich hilft oft: Manche Menschen sind zweisprachig aufgewachsen und sind in beiden Sprachen zu Hause. Rechne mit Fragen und beantworte nur die, die du beantworten möchtest.
Gibt es eine Bigender-Flagge?
Ja, in der Community sind Entwürfe für eine Bigender-Flagge im Umlauf. Sie ist aber weit weniger bekannt als etwa die Trans-Flagge oder die nicht-binäre Flagge. Zur Herkunft und Farbbedeutung gibt es unterschiedliche Angaben, die sich nicht verlässlich belegen lassen. Deshalb stellen wir sie hier nicht im Detail vor. Wer ein Symbol sucht, kann auch die nicht-binäre Flagge nutzen, die als gemeinsames Zeichen für das ganze Spektrum gilt.
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