Magnus Hirschfeld: Pionier der Sexualwissenschaft in Berlin

Magnus Hirschfeld war Arzt, Forscher und Aktivist. Er kämpfte gegen den Paragrafen 175, gründete das erste große Institut für Sexualwissenschaft und half trans Menschen, als kaum jemand sie ernst nahm. Hier liest du, wer er war und wo seine Ideen heute kritisch gesehen werden.

Ein Arzt aus Kolberg, der nach Berlin ging

Magnus Hirschfeld kam 1868 in Kolberg in Pommern zur Welt, einer Stadt an der Ostsee, die heute zu Polen gehört. Er stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater war ebenfalls Arzt. Hirschfeld studierte Medizin, arbeitete zunächst als Arzt außerhalb Berlins und ließ sich in den 1890er-Jahren in Berlin nieder. Die Stadt blieb bis 1933 sein Lebensmittelpunkt.

Schon früh interessierte ihn eine Frage, über die die meisten Kollegen nur abfällig sprachen: Warum lieben und leben Menschen so verschieden? Er wurde damit zu einem Pionier der Sexualwissenschaft, eines Fachs, das es als eigene Disziplin damals kaum gab. Sein Ansatz war für die Zeit ungewöhnlich. Er sprach mit den Menschen, sammelte ihre Lebensgeschichten und nahm ernst, was sie über sich selbst sagten.

Alte Bibliothek mit Bücherwänden in warmem Licht
Foto: Nikolai Sidorov / Unsplash

Der Kampf gegen den Paragrafen 175

Im Kaiserreich stellte der Paragraf 175 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. 1897 gründete Hirschfeld gemeinsam mit Mitstreitern das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, das als eine der ersten Organisationen weltweit für die Rechte homosexueller Menschen gilt. Das Komitee sammelte Unterschriften für eine Petition an den Reichstag, die den Paragrafen abschaffen sollte. Viele bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Politik unterschrieben.

Durchsetzen konnte sich die Petition nicht. Der Paragraf blieb, wurde unter den Nationalsozialisten verschärft und in der Bundesrepublik erst 1994 ganz gestrichen. Hirschfeld wurde durch seinen Einsatz zur öffentlichen Figur und damit auch zur Zielscheibe. Rechte und antisemitische Kreise hetzten gegen ihn. 1920 wurde er in München nach einem Vortrag überfallen und schwer verletzt.

„Die Transvestiten“ und die Idee der Zwischenstufen

Hirschfelds zentrale Idee war die Lehre von den sexuellen Zwischenstufen. Er ging davon aus, dass es keine zwei sauber getrennten Gruppen gibt, sondern unzählige Mischungen aus Merkmalen, die man als männlich oder weiblich ansah. Jeder Mensch sei in diesem Sinn einzigartig. Dazu zählte er ausdrücklich auch Menschen, deren Körper nicht eindeutig männlich oder weiblich war, also das, was man heute intergeschlechtlich nennt. Viele Details dieser Theorie gelten heute als überholt, der Grundgedanke klingt aber erstaunlich modern.

1910 erschien sein Buch „Die Transvestiten“. Darin prägte er den Begriff „Transvestit“ und beschrieb Menschen, die dauerhaft in der Kleidung und Rolle eines anderen Geschlechts leben wollten. Wichtig war vor allem eine Unterscheidung: Er zeigte, dass dieses Bedürfnis nichts mit Homosexualität zu tun haben muss. Damit trennte er früh zwei Dinge, die heute als verschieden gelten: Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung. Ganz praktisch setzte er sich dafür ein, dass Menschen eine polizeiliche Bescheinigung bekamen, die sie vor Festnahmen wegen ihrer Kleidung schützen sollte. Das Wort „Transvestit“ selbst gilt inzwischen als veraltet. Warum, erklärt die Seite über Begriffe, die man heute nicht mehr nutzt.

Das Institut für Sexualwissenschaft ab 1919

1919 eröffnete Hirschfeld in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft. Es vereinte Forschung, ärztliche Sprechstunden, Ehe- und Sexualberatung, Aufklärung und eine riesige Bibliothek mit Archiv. Menschen aus vielen Ländern kamen dorthin, um Rat zu suchen, zu forschen oder sich einfach verstanden zu fühlen. Es gab öffentliche Vorträge und Beratung zu Themen wie Verhütung, über die anderswo kaum offen gesprochen wurde. Im selben Jahr wirkte Hirschfeld am Film „Anders als die Andern“ mit, der für Akzeptanz homosexueller Männer warb.

Für trans Menschen war das Institut ein seltener sicherer Ort. Manche fanden dort Arbeit. Um 1930 und 1931 fanden im Umfeld des Instituts frühe geschlechtsangleichende Operationen statt, unter anderem bei Dora Richter und Lili Elbe. Damit war Berlin für kurze Zeit ein Zentrum für diese Form der Behandlung. Wie es danach weiterging, zeigt der Überblick über die Geschichte von trans Menschen.

Mai 1933: Plünderung, Bücherverbrennung, Exil

Ab 1930 war Hirschfeld auf einer langen Vortragsreise um die Welt. Nach Deutschland kehrte er nicht mehr zurück, weil er dort als jüdischer, homosexueller und linker Wissenschaftler in Gefahr war. Am 6. Mai 1933 stürmten Studenten und SA-Leute das Institut. Sie räumten Bibliothek und Archiv aus und zerstörten Einrichtung und Unterlagen. Wenige Tage später warfen sie einen großen Teil der Bücher bei der Bücherverbrennung in Berlin ins Feuer.

Damit ging ein unersetzlicher Bestand verloren: Fragebögen, Fotos, Briefe und Lebensgeschichten von Menschen, die sonst kaum Spuren hinterlassen haben. Hirschfeld lebte danach in der Schweiz und in Frankreich, zuletzt in Nizza. Dort starb er am 14. Mai 1935, an seinem 67. Geburtstag. Er hatte gehofft, sein Institut im Exil neu aufzubauen. Dazu kam es nicht mehr.

Ein Pionier mit Widersprüchen

Manches an Hirschfelds Werk wird heute zu Recht kritisch diskutiert. Viele seiner Begriffe passen nicht mehr. Er dachte stark biologisch und suchte die Ursachen für Homosexualität und Geschlechtsvarianz vor allem im Körper. Das half damals als Argument gegen Strafverfolgung, denn was angeboren ist, kann kein Verbrechen sein. Es legte aber auch nahe, dass es sich um etwas medizinisch Auffälliges handelt.

Ein weiterer Streitpunkt ist seine Nähe zu Ideen der Eugenik, die damals in Wissenschaft und Politik weit verbreitet waren, über viele politische Lager hinweg. Auch in seinen Schriften und in der Sexualreformbewegung, an der er beteiligt war, finden sich solche Gedanken. Wie stark sie sein Denken prägten, beurteilen Historiker*innen unterschiedlich. Fair ist es, beides zu sehen: seine großen Verdienste und die Grenzen seines Blicks. Ihn als fehlerfreien Helden darzustellen, wird ihm genauso wenig gerecht wie ihn auf diese Punkte zu reduzieren.

Auch seine Rolle als Gutachter war nicht unumstritten. In der sogenannten Eulenburg-Affäre, einer Reihe von Skandalprozessen um homosexuelle Männer im Umfeld des Kaisers ab 1907, sagte er als Sachverständiger aus. Kritiker warfen ihm vor, damit das Bloßstellen von Menschen zu unterstützen, die er eigentlich schützen wollte. Grundsätzlicher ist ein anderer Punkt: Als Arzt entschied er mit, wer als was galt und welche Hilfe bekam. Diese Rolle von Fachleuten als Türhüter hat die Medizin für trans Menschen noch Jahrzehnte geprägt.

Wie heute an Hirschfeld erinnert wird

Lange war Hirschfeld in Deutschland fast vergessen. Seit einigen Jahrzehnten wird sein Werk wieder erforscht. In Berlin trägt ein Uferweg an der Spree seinen Namen, Gedenkzeichen erinnern an das Institut. Eine Gesellschaft, die sich seinem Erbe widmet, sucht bis heute nach verstreuten Resten der Sammlung.

Auf Bundesebene gibt es die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie fördert Bildung und Forschung zu queeren Lebensweisen, erinnert an die Verfolgung und setzt sich gegen Diskriminierung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und queeren Menschen ein. Wer sich für die Bewegung interessiert, die Jahrzehnte später in New York begann, findet mehr im Artikel über Stonewall und den CSD. Weitere Porträts und Hintergründe sammelt der Bereich Wissen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

War Magnus Hirschfeld selbst homosexuell?

Nach allem, was über sein Leben bekannt ist, ja. Öffentlich sprach er darüber kaum, was in seiner Zeit auch gefährlich gewesen wäre. Sein langjähriger Lebensgefährte Karl Giese arbeitete am Institut mit. In seinen letzten Lebensjahren begleitete ihn der Student Li Shiu Tong, den er auf seiner Weltreise kennengelernt hatte. Für viele Gegner war seine vermutete Homosexualität ein zusätzlicher Anlass für Hetze.

Was ist von Hirschfelds Institut heute noch erhalten?

Nur sehr wenig. Das Gebäude im Berliner Tiergarten wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, der größte Teil der Sammlung ging 1933 verloren. Einzelne Bücher, Fotos und Dokumente sind später aufgetaucht, zum Beispiel in Bibliotheken oder in Privatbesitz. Forschende tragen sie mühsam zusammen. Am früheren Standort erinnert heute ein Gedenkzeichen daran, was dort einmal war.

Hat Hirschfeld den Begriff „transsexuell“ erfunden?

Das wird ihm manchmal zugeschrieben, ist aber nicht so eindeutig. Er nutzte in den 1920er-Jahren ähnliche Formulierungen, bekannt geworden ist das Wort jedoch erst Jahrzehnte später durch andere Mediziner. Sicher belegt ist, dass er 1910 den Begriff „Transvestit“ prägte. Beide Wörter gelten heute als veraltet, weil sie aus einem medizinischen Blick stammen und oft missverstanden werden.

Warum wird Hirschfeld auch innerhalb der Community unterschiedlich bewertet?

Weil sein Erbe gemischt ist. Für viele ist er ein mutiger Vorkämpfer, der Verfolgten half und als Erster wissenschaftlich zuhörte. Andere weisen darauf hin, dass er Menschen trotzdem durch die Brille des Arztes sah und in Kategorien von Normalität und Abweichung dachte. Hinzu kommt die Diskussion um eugenische Gedanken. Eine ehrliche Würdigung kann beides nebeneinander stehen lassen.

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