Vom Aufstand im Stonewall Inn zum Christopher Street Day

Der CSD hat seinen Namen von einer Straße in New York. Dort wehrten sich 1969 queere Menschen gegen eine Polizeirazzia. Hier erfährst du, was damals passierte, welche Rolle trans Frauen und Dragqueens spielten und worüber heute beim CSD gestritten wird.

New York 1969: warum eine Bar so wichtig war

Ende der 1960er-Jahre war gleichgeschlechtliche Liebe in fast allen US-Bundesstaaten strafbar. Wer queer war, verlor schnell Job, Wohnung oder Familie, wenn es herauskam. Auch das Tragen von Kleidung, die nicht zum zugewiesenen Geschlecht passte, konnte zu Ärger mit der Polizei führen. Oft erzählt wird eine Regel, nach der man mindestens drei „passende“ Kleidungsstücke tragen musste. Ob es die je als Gesetz gab, ist umstritten, in der Praxis nutzte die Polizei solche Vorwände aber.

Bars waren für viele die einzigen Orte, an denen sie sich treffen konnten. Das Stonewall Inn in der Christopher Street im Viertel Greenwich Village war eine davon. Die Bar wurde von der Mafia betrieben, hatte keine Lizenz für Alkohol und war alles andere als gemütlich. Trotzdem kamen dort Menschen zusammen, die anderswo nicht willkommen waren: junge schwule Männer, Dragqueens, trans Frauen, Lesben und Jugendliche, die auf der Straße lebten.

Menschen laufen bei einer Pride-Demo unter einer großen Regenbogenflagge
Foto: Mercedes Mehling / Unsplash

Die Nacht zum 28. Juni 1969

In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 kam die Polizei zu einer Razzia. Solche Durchsuchungen liefen meist nach demselben Muster: Ausweiskontrolle, Festnahmen, Demütigungen. Diesmal gingen die Gäste nicht still nach Hause. Vor der Bar sammelte sich eine wachsende Menge, die Stimmung kippte, es flogen Münzen, Flaschen und Steine. Die Polizisten verschanzten sich zeitweise in der Bar.

Die Proteste hielten mehrere Nächte an. Für viele, die dabei waren, war das ein Wendepunkt. Zum ersten Mal hatten sie sich in großer Zahl öffentlich gewehrt, und das sprach sich herum. Stonewall war allerdings nicht der erste Widerstand dieser Art. Schon 1966 hatten sich in San Francisco in einem Lokal namens Compton's Cafeteria trans Frauen und Dragqueens gegen Polizeischikanen gewehrt. Dieser Aufstand blieb lange weniger bekannt.

Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und die Frage, wer dabei war

Zwei Namen fallen immer, wenn es um trans Menschen und Stonewall geht: Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera. Beide waren in der Szene rund um die Christopher Street bekannt. Zu Lebzeiten nutzten sie verschiedene Bezeichnungen für sich, darunter Dragqueen. Heute werden beide oft als trans Frauen erinnert. Johnson war Schwarz, Rivera hatte lateinamerikanische Wurzeln, und beide lebten zeitweise auf der Straße.

Ehrlich gesagt: Was einzelne Personen in der ersten Nacht genau getan haben, wird unterschiedlich erzählt. Die bekannte Geschichte, Johnson habe „den ersten Stein“ geworfen, gilt als Legende. Sie selbst hat gesagt, dass sie erst kam, als die Unruhen schon begonnen hatten. Auch über Riveras Rolle gehen Erinnerungen auseinander. Gesichert ist aber, dass beide die Bewegung danach stark geprägt haben. 1970 gründeten sie eine Gruppe, die obdachlose junge Dragqueens und trans Frauen unterstützte und ihnen zeitweise ein Dach über dem Kopf bot.

Ihr Platz in der Bewegung war nicht selbstverständlich. Viele schwule und lesbische Organisationen der 1970er-Jahre setzten auf ein bürgerliches Bild und drängten trans Menschen und Dragqueens an den Rand. Rivera hat das öffentlich und laut kritisiert. Dass beide heute so prominent erinnert werden, ist auch eine späte Korrektur dieses Ausschlusses.

1970: die ersten Pride-Märsche

Ein Jahr nach dem Aufstand, Ende Juni 1970, zogen in New York Tausende Menschen von Greenwich Village aus durch die Stadt, um an Stonewall zu erinnern. Auch in anderen US-Städten fanden Märsche statt. Es waren Demonstrationen, keine Paraden: Die Teilnehmenden riskierten, erkannt zu werden und dadurch Job oder Familie zu verlieren.

Die Bedeutung von Stonewall liegt weniger in einer einzelnen Nacht als in dem, was daraus folgte. Innerhalb kurzer Zeit gründeten sich neue Gruppen, die offen und selbstbewusst auftraten, statt um Duldung zu bitten. Ihr Ton war fordernd, ihre Mitglieder zeigten Gesicht.

Aus diesen Märschen entstand die Tradition, die heute weltweit als Pride bekannt ist. Mit ihr kamen auch Symbole. Die Regenbogenflagge entstand 1978 in San Francisco, die Trans-Flagge 1999. Wer hinter welcher Flagge steckt, steht im Artikel über Pride-Flaggen und ihre Farben.

Christopher Street Day: der Weg nach Deutschland

In Deutschland gab es schon Anfang der 1970er-Jahre erste Demonstrationen von Schwulen und Lesben. Den Namen Christopher Street Day trugen die Demos ab 1979, als unter anderem in Berlin und Bremen Menschen auf die Straße gingen. Der Name verweist auf die New Yorker Adresse der Bar. Während im Englischen meist von Pride die Rede ist, blieb man in Deutschland beim Straßennamen. In Österreich und der Schweiz tragen viele Veranstaltungen auch Pride im Namen.

Inzwischen finden CSDs nicht nur in Großstädten statt. Auch viele kleinere Orte haben eigene Veranstaltungen, oft organisiert von wenigen Ehrenamtlichen. Dort sind die Demos meist kleiner, aber für queere Menschen vor Ort umso wichtiger, weil sie sonst kaum Sichtbarkeit erleben.

Kommerz oder Protest: worüber heute gestritten wird

Je größer die CSDs wurden, desto lauter wurde eine Frage: Wem gehört der Tag? Große Firmen zahlen für Wagen und Werbung, Getränkemarken sponsern Bühnen. Das finanziert viel, macht manche Demos aber auch zu einer Art Volksfest mit Logos. Kritiker*innen sagen, dass Unternehmen sich damit ein queerfreundliches Image kaufen, ohne im Alltag etwas zu ändern. Andere halten dagegen, dass ohne Geld viele CSDs gar nicht stattfinden könnten.

Es gibt weitere Streitpunkte. Soll die Polizei mit eigenem Wagen mitfahren, obwohl der Ursprung des Tages ein Aufstand gegen Polizeigewalt war? Wie politisch darf oder muss ein CSD sein? Und kommen trans und nicht-binäre Menschen, Schwarze queere Menschen und andere weniger sichtbare Gruppen ausreichend zu Wort? Manche Städte haben deshalb zusätzlich kleinere, betont politische Demos, die ohne Sponsoren auskommen. Eine einfache Antwort gibt es nicht, und die Debatte gehört selbst zur Tradition.

Ernst ist auch die Sicherheitslage. In den vergangenen Jahren haben rechtsextreme Gruppen an mehreren Orten gegen CSDs mobilisiert, besonders in kleineren Städten. Veranstalter*innen müssen mehr in Schutzkonzepte investieren. Wer angegriffen oder bedroht wird, findet Hinweise im Artikel über Hasskriminalität.

Zwischen Demo und Fest: wie du den CSD erlebst

Der CSD ist beides: Protest und Fest. Er erinnert an Menschen, die sich gegen Gewalt gewehrt haben, und er feiert, dass queere Menschen heute an vielen Orten offen leben können. Musik, Glitzer und Lebensfreude sind kein Widerspruch zu politischen Forderungen. Für viele ist genau diese Mischung der Kern.

  • Schau dir an, wofür der CSD in deiner Stadt in diesem Jahr eintritt. Viele haben ein Motto und konkrete Forderungen.
  • Vom Rand aus zuschauen ist völlig in Ordnung. Niemand muss mitlaufen, tanzen oder sich zeigen, um dazuzugehören.
  • Geh mit Freund*innen hin und verabrede einen Treffpunkt, falls ihr euch verliert.
  • Frag, bevor du Menschen fotografierst. Nicht alle sind überall geoutet.
  • Wenn du als Ally teilnimmst, lass queeren Menschen den Vortritt und hör zu.

Weitere Hintergründe zur Bewegung findest du in der Geschichte von trans Menschen und im Bereich Wissen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Warum findet der CSD in vielen Städten nicht im Juni statt?

Weil es in Deutschland so viele CSDs gibt, dass sie sich über den ganzen Sommer verteilen. Viele Städte wählen Termine zwischen Juni und September, damit sich Veranstaltungen nicht überschneiden und Menschen mehrere besuchen können. Auch Ferien, Wetter und die Verfügbarkeit von Plätzen spielen eine Rolle. Der Bezug zu Stonewall bleibt trotzdem, auch wenn das Datum nicht der 28. Juni ist.

Muss ich queer sein, um zum CSD zu gehen?

Nein. CSDs sind öffentliche Demonstrationen, an denen alle teilnehmen können, die die Anliegen unterstützen. Viele Familien, Freund*innen und Kolleg*innen gehen mit. Wichtig ist, dass du dich respektvoll verhältst und den Tag nicht als reine Party siehst. Wer nicht queer ist, sollte vor allem unterstützen und nicht selbst im Mittelpunkt stehen wollen. Das gilt auch für Fotos und Interviews mit der Presse.

Gibt es ein Denkmal für den Aufstand von Stonewall?

Ja. Das Stonewall Inn und die Umgebung sind seit 2016 ein Nationaldenkmal der Vereinigten Staaten. Im kleinen Park gegenüber der Bar stehen außerdem Skulpturen, die an queere Menschen erinnern. Eine Bar mit dem Namen Stonewall Inn gibt es an der Adresse bis heute, allerdings nicht mehr in der ursprünglichen Form. Für viele Besucher*innen ist der Ort ein wichtiger Teil einer Reise nach New York.

Waren auch lesbische Frauen am Aufstand beteiligt?

Ja. Neben schwulen Männern, Dragqueens und trans Frauen waren auch Lesben in der Bar und auf der Straße. Häufig genannt wird Stormé DeLarverie, eine lesbische Künstlerin, die in Männerkleidung auftrat. Manche Augenzeug*innen erzählen, ihre gewaltsame Festnahme habe die Menge mit ausgelöst. Wie bei vielen Details dieser Nacht gibt es dazu aber unterschiedliche Erinnerungen und keine eindeutige Quelle.

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