Sex und Gender: Warum ein Wort fürs Geschlecht nicht reicht

Im Deutschen gibt es nur ein Wort für Geschlecht, im Englischen zwei. Hier erfährst du, was sex und gender meinen, aus welchen Ebenen das körperliche Geschlecht besteht und warum „biologisches Geschlecht“ als Gegenbegriff zur Identität zu kurz greift.

Zwei englische Wörter für Geschlecht

Im Englischen gibt es zwei Wörter für Geschlecht. „Sex“ meint meist das körperliche Geschlecht, also die Merkmale des Körpers. „Gender“ meint die soziale und gelebte Seite: Rollen, Erwartungen, Ausdruck und auch die Geschlechtsidentität, also das eigene Wissen, welches Geschlecht man ist. Oft wird gender deshalb mit „soziales Geschlecht“ übersetzt. Das ist, kurz erklärt, der Unterschied.

Ganz sauber ist die Trennung allerdings auch im Englischen nicht. Im Alltag werden sex und gender oft durcheinander benutzt, und auf Formularen steht mal das eine, mal das andere, obwohl dasselbe gemeint ist. Manche Fachleute schlagen deshalb vor, die beiden Wörter nicht als feste Gegensätze zu sehen, sondern als zwei Blickwinkel auf etwas, das im echten Leben eng verwoben ist.

Die Unterscheidung stammt aus Medizin und Psychologie der 1950er und 1960er Jahre. Ab den 1970er Jahren griff die Frauenforschung sie auf. Der Gedanke dahinter: Dass Menschen verschiedene Körper haben, erklärt noch nicht, warum Frauen lange nicht wählen durften oder warum Jungen nicht weinen sollen. Vieles, was als natürlich galt, war in Wahrheit gesellschaftlich gemacht und hat sich deshalb auch verändert.

Warum das Deutsche nur ein Wort hat

Im Deutschen deckt „Geschlecht“ beides ab und noch einiges mehr. Das Wort meint auch die Abstammung, wie in „Adelsgeschlecht“, und in der Grammatik das Genus: der Löffel, die Gabel, das Messer. Warum ein Wort fürs Geschlecht oft nicht reicht, merkst du in vielen Gesprächen. Es ist häufig nicht klar, welche Ebene gerade gemeint ist.

Deshalb hat sich das englische Gender in Fachsprache und Alltag eingebürgert, etwa in Gender Studies oder beim Gendern. Sex dagegen funktioniert im Deutschen kaum, weil es hier fast immer Geschlechtsverkehr meint. Stattdessen sagt man meist „körperliches Geschlecht“. Auf dieser Seite nutzen wir außerdem den Ausdruck „bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht“, wenn es um den Eintrag nach der Geburt geht.

Das körperliche Geschlecht hat mehrere Ebenen

Was man oft „biologisches Geschlecht“ nennt, ist bei genauem Hinsehen keine einzelne Eigenschaft. Es setzt sich aus mehreren Ebenen zusammen, die sich im Lauf der Entwicklung nacheinander ausbilden:

  • Chromosomen: Die meisten Menschen haben XX oder XY. Es gibt aber auch andere Kombinationen, etwa nur ein X oder XXY.
  • Gonaden: Das sind die Keimdrüsen, also Hoden oder Eierstöcke. Bei manchen Menschen sind sie anders ausgebildet oder enthalten Gewebe beider Art.
  • Hormone: Alle Menschen bilden Testosteron und Östrogen, nur in unterschiedlicher Menge. Auch wie stark der Körper auf diese Hormone anspricht, ist verschieden.
  • Innere und äußere Genitalien: etwa Gebärmutter, Prostata, Penis und Vulva. Sie entwickeln sich vor der Geburt aus denselben Anlagen in unterschiedliche Richtungen.
  • Sekundäre Geschlechtsmerkmale: Brust, Bartwuchs, Stimmlage, Fettverteilung. Sie entstehen vor allem in der Pubertät unter dem Einfluss der Hormone.

Bei den meisten Menschen zeigen alle Ebenen in dieselbe Richtung. Zwingend ist das nicht. Und manche Ebenen lassen sich verändern: Eine Hormontherapie verändert den Hormonspiegel und viele sekundäre Merkmale, die Chromosomen dagegen bleiben, wie sie sind. Auch der Körper einer cis Person wandelt sich übrigens im Laufe des Lebens, etwa in den Wechseljahren.

Intergeschlechtlichkeit zeigt, wie verschieden Körper sind

Besonders deutlich wird das bei intergeschlechtlichen Menschen. Ihre körperlichen Merkmale passen nicht eindeutig in die medizinische Norm von männlich und weiblich. Das kann sich bei der Geburt zeigen, in der Pubertät, viel später oder auch nie.

Ein Beispiel ist die komplette Androgenresistenz. Menschen damit haben XY-Chromosomen und Hoden im Bauchraum, ihr Körper spricht aber nicht auf Testosteron an. Sie entwickeln äußerlich einen weiblichen Körper und wachsen meist als Mädchen auf. Oft fällt das erst auf, wenn in der Pubertät die Regelblutung ausbleibt. Welche Ebene soll hier das „biologische Geschlecht“ festlegen? Die Chromosomen, die Gonaden oder der Körper, den man sieht?

Wie häufig Intergeschlechtlichkeit ist, hängt stark davon ab, welche Varianten man mitzählt. Deshalb schwanken die Angaben sehr. Unstrittig ist, dass sich nicht jeder Körper eindeutig einer von zwei Kategorien zuordnen lässt. Seit Dezember 2018 gibt es in Deutschland den Eintrag divers, der zunächst nur intergeschlechtlichen Menschen offenstand. Inter zu sein ist dabei nicht dasselbe wie trans zu sein: Inter beschreibt den Körper, trans das Verhältnis von Identität und zugewiesenem Geschlecht. Informationen aus Sicht intergeschlechtlicher Menschen bietet zum Beispiel VIMÖ, der Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich.

Warum „biologisches Geschlecht“ zu kurz greift

In Debatten über trans Menschen fällt oft der Satz: „Es gibt nun mal das biologische Geschlecht.“ Gemeint ist meist, das eigentliche Geschlecht eines Menschen sei sein Körper, alles andere nur Gefühl oder Kultur. An dieser Gegenüberstellung gibt es mehrere Probleme.

Erstens ist das körperliche Geschlecht, wie oben gezeigt, keine einzelne Größe. Wer „biologisch“ sagt, müsste eigentlich dazusagen, welche Ebene gemeint ist. Zweitens wird bei der Geburt in der Regel nur auf die äußeren Genitalien geschaut. Chromosomen oder Hormone prüft dabei normalerweise niemand. Deshalb sprechen viele lieber vom „bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht“. Das beschreibt genau, was passiert ist: eine Einordnung von außen.

Drittens unterstellt der Gegensatz, die Geschlechtsidentität sei nicht biologisch. Das ist so nicht belegt. Woher die Geschlechtsidentität kommt, ist zwar ungeklärt, die Forschung untersucht aber auch körperliche Faktoren wie Gene und Hormone vor der Geburt. „Biologie gegen Gefühl“ ist deshalb eine schiefe Gegenüberstellung.

Fair ist aber auch: In der Biologie wird Geschlecht häufig über die Art der Keimzellen definiert, also große Eizellen oder kleine Spermien. Nach dieser Definition gibt es zwei Geschlechter, und sie ist sinnvoll, um zum Beispiel Fortpflanzung bei Tieren und Pflanzen zu beschreiben. Sie sagt aber nichts darüber, welches Geschlecht ein Mensch ist und lebt, und hilft im Alltag wenig, weil niemand die Keimzellen eines anderen kennt.

Wann die körperliche Seite trotzdem zählt

Die Kritik am Begriff heißt nicht, dass der Körper egal wäre. In der Medizin spielt er eine große Rolle. Eine trans Frau braucht womöglich eine Prostata-Vorsorge, ein trans Mann eine gynäkologische Untersuchung. Laborwerte, Medikamente und manche Krankheitsrisiken können vom Hormonstatus und von den vorhandenen Organen abhängen.

Gerade hier hilft Genauigkeit mehr als ein Pauschalbegriff. Statt „biologisch männlich“ ist es medizinisch oft sinnvoller zu fragen: Welche Organe sind vorhanden? Welcher Hormonspiegel liegt vor? Das ist präziser und zugleich respektvoller. Tipps für solche Situationen findest du im Artikel über den Arztbesuch.

Auch im Sport, in der Forschung und in der Statistik wird darüber gestritten, welche Rolle körperliche Merkmale spielen sollen, teils sehr heftig. Einfache Antworten gibt es dort nicht, und Sportverbände treffen eigene Regeln. Wer sich in diese Debatten einliest, kommt mit einem klaren Blick auf die verschiedenen Ebenen weiter als mit einem einzigen Schlagwort. Weitere Grundbegriffe findest du im Bereich Grundlagen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Ist Gender eine Erfindung der Gender Studies?

Nein. Das Wort und die Unterscheidung stammen ursprünglich aus Medizin und Psychologie und wurden erst später von der Frauen- und Geschlechterforschung aufgegriffen. Gender Studies untersuchen, wie Vorstellungen von Geschlecht in Gesellschaft, Sprache, Recht oder Arbeitswelt wirken. Über einzelne Thesen wird dort gestritten, wie in jedem Fach. Dass es gesellschaftliche Erwartungen an Geschlecht gibt, bestreitet aber kaum jemand ernsthaft.

Was sagt der Geschlechtseintrag über den Körper aus?

Wenig. Der Eintrag im Personenstandsregister ist eine rechtliche Kategorie. Bei der Geburt wird er nach dem äußeren Erscheinungsbild vergeben. Seit dem Selbstbestimmungsgesetz können Menschen in Deutschland ihn per Erklärung beim Standesamt ändern, ohne medizinische Nachweise. Möglich sind männlich, weiblich, divers oder keine Angabe. Wer etwas über den Körper wissen muss, etwa in der Medizin, sollte deshalb gezielt nachfragen.

Was bedeuten AFAB und AMAB?

Die Abkürzungen kommen aus dem Englischen: „assigned female at birth“ und „assigned male at birth“, also bei der Geburt weiblich oder männlich zugewiesen. In der Community werden sie genutzt, um über das zugewiesene Geschlecht zu sprechen, ohne den Körper zu bewerten. Manche finden sie hilfreich, andere zu technisch. Unhöflich wird es, wenn man trans Menschen damit ungefragt in Schubladen steckt.

Sagt man besser soziales Geschlecht oder Gender?

Beides ist verbreitet. „Soziales Geschlecht“ ist die übliche deutsche Übersetzung und für viele verständlicher. Sie hat aber einen Haken: Sie klingt so, als sei die Geschlechtsidentität nur ein Produkt der Gesellschaft, und das ist nicht belegt. Deshalb verwenden manche lieber gleich die genaueren Begriffe Geschlechterrolle, Geschlechtsausdruck oder Geschlechtsidentität, je nachdem, was gerade gemeint ist.

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