Grundlagen
Geschlechtergerechte Sprache, die wirklich alle mitmeint
Sternchen oder Doppelpunkt, „Lehrkräfte“ oder „Lehrer*innen“, „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ oder einfach „Hallo zusammen“? Hier steht, welche Formen es gibt, was nicht-binäre Menschen davon haben und wo die Grenzen liegen.
Warum „Damen und Herren“ nicht alle erreicht
„Sehr geehrte Damen und Herren“ steht über unzähligen Briefen. Für die meisten ist das eine harmlose Formel. Wer nicht-binär ist (oft liest man auch non-binär), also weder Dame noch Herr, liest darin jedes Mal: Du bist hier nicht vorgesehen. Einzeln ist das eine Kleinigkeit. Im Alltag summiert es sich, vom Formular mit zwei Kästchen bis zur Rundmail an „alle Kolleginnen und Kollegen“.
Geschlechtergerechte Sprache will Texte so formulieren, dass sie wirklich alle mitmeint, die gemeint sind. Lange ging es dabei vor allem um Frauen, die im sogenannten generischen Maskulinum („die Lehrer“) nur mitgedacht waren. Mit der wachsenden Sichtbarkeit von nicht-binären Menschen kam eine zweite Frage dazu: Wie schreibt man über Leute, die in „Lehrerinnen und Lehrer“ gar nicht vorkommen?
Dieser Artikel will niemanden zum Gendern verpflichten. Er erklärt, welche Werkzeuge es gibt, was sie leisten und wo sie haken. Was du davon nutzt, entscheidest du selbst.
Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich: die Zeichen im Vergleich
Die bekannteste Lösung sind Zeichen mitten im Wort. Sie öffnen eine Lücke zwischen männlicher und weiblicher Form, in der auch alle anderen Platz haben sollen.
| Form | Beispiel | Was dahintersteckt |
|---|---|---|
| Sternchen | Ärzt*innen | Der Stern steht für alle Geschlechter, auch jenseits von zwei. Weit verbreitet, auch in Verwaltung und Medien. |
| Doppelpunkt | Ärzt:innen | Wirkt im Schriftbild ruhiger. Wurde oft mit Blick auf Screenreader eingeführt, ist dabei aber selbst umstritten. |
| Unterstrich | Ärzt_innen | Auch „Gender-Gap“ genannt. Die Lücke soll den Raum zwischen den Geschlechtern zeigen. Heute seltener zu sehen. |
| Binnen-I | ÄrztInnen | Die ältere Form. Sie meint ursprünglich Frauen und Männer, nicht-binäre Menschen sind darin nicht ausdrücklich gemeint. |
Gesprochen wird das Zeichen meist als kurzer Stopp vor dem „innen“, so wie zwischen „Spiegel“ und „ei“ im Wort Spiegelei. Wer das im Gespräch ungewohnt findet, kann auf die Möglichkeiten im nächsten Abschnitt ausweichen.
Auf TGNB.de benutzen wir das Sternchen, aber sparsam. Wo es ein gutes neutrales Wort gibt, nehmen wir lieber das.
Partizipien und neutrale Wörter: gendern ohne Sonderzeichen
Oft brauchst du gar kein Zeichen. Das Deutsche hat viele Wörter, die kein Geschlecht festlegen, und sie lesen sich meist flüssiger als jede Variante mit Stern.
- Partizipien: Studierende, Lehrende, Teilnehmende, Mitarbeitende
- Sammel- und Funktionswörter: Lehrkräfte, Fachleute, Team, Kollegium, Belegschaft, Leitung
- Umschreibungen mit „Person“ oder „Mensch“: die Person, die den Antrag stellt; Menschen mit Kinderwunsch
- Relativsätze statt Rollen: „Wer teilnimmt, bekommt ein Zertifikat“ statt „Jeder Teilnehmer bekommt ein Zertifikat“
- Direkte Ansprache: „Bitte trag deinen Namen ein“ statt „Der Antragsteller trägt seinen Namen ein“
Ganz ohne Haken ist auch das nicht. Partizipien beschreiben streng genommen, was jemand gerade tut. „Studierende“ studieren in diesem Moment, „Studenten“ sind eingeschrieben. Im Alltag stört das kaum jemanden, in der Sprachdebatte ist es ein häufiger Einwand. Und manche Neubildungen klingen bemüht, etwa „Zufußgehende“. Dann lieber den Satz umbauen als ein Kunstwort erzwingen.
Bei Pronomen sieht es ähnlich aus. Viele nicht-binäre Menschen möchten mit ihrem Namen statt mit „er“ oder „sie“ bezeichnet werden, andere nutzen eigene Formen. Was es damit auf sich hat, erklärt der Artikel über Neopronomen wie xier oder dey.
Lesbarkeit und Barrierefreiheit: wer an Zeichen hängen bleibt
Ein Text ist nur dann gerecht, wenn die Leute ihn auch lesen können. Hier liegt einer der ernsthaftesten Einwände gegen Sonderzeichen. Screenreader, also Programme, die blinden und sehbehinderten Menschen Texte vorlesen, gehen mit Stern, Doppelpunkt und Unterstrich je nach Programm und Einstellung verschieden um. Manche lesen das Zeichen als Wort vor („Ärzt Stern innen“), manche machen eine Pause, manche überspringen es und lesen nur die weibliche Form.
Auch für Menschen, die Deutsch lernen, für Menschen mit Leseschwierigkeiten und für Texte in Leichter Sprache sind Zeichen im Wort eine zusätzliche Hürde. Neutrale Wörter und direkte Ansprache funktionieren für alle diese Gruppen besser. Das ist ein guter Grund, sie zuerst zu nehmen und das Sternchen nur dort einzusetzen, wo es keine flüssige Alternative gibt.
Gut zu wissen: Eine einfache Probe für barrierearme Texte: laut vorlesen. Wo du selbst stolperst, stolpern andere auch.
Die Debatte: was Kritiker*innen sagen und was dafür spricht
Kaum ein Sprachthema wird so hitzig diskutiert. Beide Seiten verdienen, dass man ihnen zuhört.
Kritische Stimmen sagen: Sonderzeichen gehören nicht zur amtlichen Rechtschreibung, machen Texte schwerer lesbar und wirken auf viele belehrend. Manche finden, das generische Maskulinum schließe ohnehin alle ein. Andere stören sich daran, dass Sprachwandel von Institutionen vorgegeben werde, statt von selbst zu entstehen. Einige Bundesländer haben für Schulen oder Behörden Vorgaben erlassen, die Genderzeichen ausschließen.
Befürworter*innen halten dagegen: Sprache prägt, wen wir uns vorstellen. Sie argumentieren, dass viele bei „Ärzte“ eher an Männer denken. Wer weder Mann noch Frau ist, taucht in der Doppelform „Ärztinnen und Ärzte“ gar nicht auf. Und Sprache hat sich schon immer verändert, oft gegen Widerstand.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der über das amtliche Regelwerk wacht, hat Sternchen, Doppelpunkt und Unterstrich bisher nicht in den Kernbestand der Rechtschreibung aufgenommen. Er beobachtet die Entwicklung und hat zugleich betont, dass Menschen aller Geschlechter angemessen angesprochen werden sollen. Für Privatleute, Vereine und die meisten Firmen ist das amtliche Regelwerk ohnehin nicht bindend. Unsere Haltung: Es gibt bedenkenswerte Argumente auf beiden Seiten, und niemand sollte für die eigene Wahl angefeindet werden.
Mails, Briefe und Formulare: praktische Tipps
Am meisten bringt geschlechtergerechte Sprache dort, wo Menschen direkt angesprochen werden. Ein paar Handgriffe, die kaum Aufwand machen:
- Anrede ohne Geschlecht: „Guten Tag Vorname Nachname“ passt in jede Mail und jeden Brief, auch wenn du nicht weißt, wie sich jemand bezeichnet.
- Für Gruppen: „Hallo zusammen“, „Liebes Team“ oder „Guten Tag allerseits“ statt „Liebe Kolleginnen und Kollegen“.
- In Formularen das Anredefeld optional machen oder ganz streichen. Wenn es eins gibt, gehören neben Frau und Herr auch „keine Anrede“ oder ein freies Feld dazu.
- Beim Geschlecht die Einträge anbieten, die es rechtlich gibt: weiblich, männlich, divers und keine Angabe. Und vorher fragen: Brauchen wir das Feld überhaupt?
- Ein freiwilliges Feld für Pronomen hilft überall, wo Menschen persönlich angesprochen werden, etwa in Kursen, Teams oder Seminaren.
- Die eigenen Pronomen in der Signatur zu nennen, nimmt anderen die Hemmung, es auch zu tun.
Wenn dir jemand mitteilt, wie die Person angesprochen werden möchte, übernimm das einfach. Das ist höflicher als jede Stilregel. Welche Einträge im Personenstand heute möglich sind, erklärt der Artikel zum Geschlechtseintrag divers.
Kein Zwang, sondern ein Werkzeug
Nicht alle nicht-binären Menschen gendern, und nicht alle erwarten es von anderen. Manchen ist das Sternchen wichtig, weil es sie sichtbar macht. Andere wünschen sich vor allem, dass Name und Pronomen stimmen, und der Rest ist ihnen ziemlich egal. Eine einheitliche Meinung „der“ Community gibt es nicht.
Deshalb verstehst du Gendern am besten als Werkzeug. Du greifst dazu, wenn es zum Text, zu den Lesenden und zur Situation passt. In einem Gedicht vielleicht nicht, in einer Stellenanzeige ziemlich sicher. Wer sich mal vertut, hat nichts Schlimmes getan. Wer bewusst formuliert, zeigt Aufmerksamkeit für alle, die mitlesen.
Mehr Ideen für einen respektvollen Umgang findest du im Artikel Ally sein und in der Übersicht zum Leben im Alltag. Begriffe, die dir hier neu waren, erklärt das Glossar.
Häufige Fragen
Ist der Doppelpunkt für Screenreader besser als das Sternchen?
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Wie ein Screenreader ein Zeichen behandelt, hängt vom Programm, der Sprachausgabe und den Einstellungen ab. Manche lesen den Doppelpunkt als kurze Pause, andere sprechen ihn aus oder behandeln ihn wie ein Satzzeichen. Beim Sternchen ist es ähnlich. Wer sichergehen will, nimmt neutrale Wörter oder spricht die Lesenden direkt an. Das funktioniert unabhängig von der Technik.
Muss ich in der Schule oder im Job gendern?
Das hängt davon ab, wo und für wen du schreibst. Privat gibt es keine Pflicht. Arbeitgeber können für ihre eigenen Texte einen Stil vorgeben, Schulen und Behörden richten sich nach den Vorgaben ihres Landes oder Trägers. In manchen Bundesländern sind Genderzeichen dort ausgeschlossen, neutrale Formulierungen aber erlaubt. Frag im Zweifel nach dem Leitfaden deiner Einrichtung. Neutrale Wörter sind fast überall unproblematisch.
Wie spreche ich jemanden an, dessen Namen ich kenne, aber nicht das Geschlecht?
Lass das Geschlecht einfach weg. „Guten Tag Kim Schneider“ ist korrekt und höflich und wird in vielen Branchen inzwischen ganz selbstverständlich verwendet. Im Gespräch kannst du die Person mit Namen ansprechen oder freundlich fragen, wie sie angesprochen werden möchte. Rate nicht anhand von Vorname oder Stimme. Gerade am Telefon liegen solche Vermutungen öfter daneben, und eine falsche Anrede ist unangenehmer als eine neutrale.
Ist es unhöflich, das generische Maskulinum zu benutzen?
Nicht automatisch. Viele Menschen sind damit aufgewachsen und wollen damit niemanden ausschließen. Trotzdem fühlen sich manche davon weniger angesprochen, darunter viele Frauen und nicht-binäre Menschen. Ob es passt, hängt vom Zusammenhang ab. In einer Nachricht an eine Gruppe, die du kennst, kannst du dich nach deren Wünschen richten. In öffentlichen Texten erreichen neutrale Formen meist mehr Menschen, ohne dass jemand darüber stolpert.
Passt dazu
Du brauchst gerade jemanden zum Reden?
Wir bieten keine Beratung an. Es gibt aber Menschen, die genau dafür da sind, kostenlos und auf Wunsch anonym.
- TelefonSeelsorge, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
- Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111
- Queere Anlaufstellen in deiner Nähe findest du im Überblick zu Beratung und Selbsthilfe.