Neopronomen: Wie xier, dey und andere Formen funktionieren

Neopronomen sind neue Wörter für Menschen, für die weder er noch sie passt. Hier findest du die bekanntesten Formen im Deutschen, ein Beispiel für die Beugung und ehrliche Tipps, wie das Sprechen mit der Zeit leichter wird.

Was Neopronomen sind und warum es sie gibt

Neopronomen sind neu geschaffene Pronomen. Sie sollen das leisten, was er und sie nicht können: über eine Person sprechen, ohne ihr ein Geschlecht zuzuschreiben. Genutzt werden sie vor allem von nicht-binären, agender und genderfluiden Menschen, aber nicht von allen. Viele nicht-binäre Menschen bleiben bei er oder sie oder verzichten ganz auf Pronomen.

Warum braucht es überhaupt neue Wörter? Im Deutschen gibt es zwar das Neutrum „es“, aber das benutzt man sonst für Dinge, und viele Menschen empfinden es als abwertend. Andere Sprachen haben es leichter. Im Englischen ist das singulare they verbreitet, im Schwedischen gibt es hen. Im Deutschen fehlt so ein Wort, also haben Menschen eigene vorgeschlagen. Die Grundlagen zu Pronomen allgemein und wie du danach fragst, findest du im Artikel über Pronomen und Ansprache.

Die bekanntesten Formen im Überblick

Es gibt Dutzende Vorschläge. Diese fünf begegnen dir im Deutschen am häufigsten:

  • xier: wahrscheinlich das bekannteste Neopronomen im Deutschen. Es klingt bewusst anders als er und sie, enthält aber Teile von beiden. Für xier gibt es ein recht vollständiges Set an Formen, dazu unten mehr.
  • dey: angelehnt an das englische they, aber deutsch geschrieben und ausgesprochen. Wer they mag, es im deutschen Satz aber zu fremd findet, nutzt oft dey.
  • sier: eine Verbindung aus sie und er. Für manche ist das ein Vorteil, weil man beide Wörter heraushört. Andere lehnen es genau deshalb ab, weil es wieder an die zwei Geschlechter erinnert.
  • en und ens: kurze Formen, die meist als Paar genannt werden. Sie sind knapp und klingen neutral, sind aber vielen noch unbekannt.
  • hen: kommt aus dem Schwedischen. Dort ist hen ein geschlechtsneutrales Pronomen, das seit 2015 im Wörterverzeichnis der Schwedischen Akademie steht. Einige deutschsprachige Menschen übernehmen es, weil es kurz ist und schon eine Geschichte hat.

Ob die Pronomen großgeschrieben werden, richtet sich nach den normalen Regeln: am Satzanfang groß, sonst klein. „Xier kommt morgen“, aber „Ich treffe xien morgen“.

So wird xier gebeugt

Pronomen verändern sich im Satz, je nachdem, welche Rolle sie spielen. Aus „er“ wird „ihm“ oder „ihn“. Bei Neopronomen gilt das auch, und genau das macht sie im Deutschen schwieriger als im Englischen. Für xier ist diese Beugung verbreitet:

Fallersiexier
Nominativ (wer?)ersiexier
Genitiv (wessen?)seinerihrerxieser
Dativ (wem?)ihmihrxiem
Akkusativ (wen?)ihnsiexien

In ganzen Sätzen sieht das so aus: „Xier hat angerufen.“ „Ich habe xiem eine Nachricht geschrieben.“ „Kannst du xien vom Bahnhof abholen?“ Für die besitzanzeigende Form, also das, was bei er „sein“ und bei sie „ihr“ heißt, sind verschiedene Varianten im Umlauf. Frag am besten die Person, welche sie nutzt.

Für dey, sier, en/ens und hen gibt es ebenfalls Vorschläge zur Beugung, aber sie unterscheiden sich je nach Quelle und Gemeinschaft. Manche nutzen nur die Grundform und lösen den Rest mit dem Namen. Eine übersichtliche Sammlung verschiedener Vorschläge pflegt das Queer Lexikon.

Warum sich noch kein Standard durchgesetzt hat

Ehrlich gesagt: Keines dieser Pronomen ist im Deutschen allgemein etabliert. Es gibt keine Stelle, die festlegt, welches richtig ist, und die Wörterbücher bilden die Vorschläge bisher kaum ab. Das hat mehrere Gründe. Das Deutsche hängt Geschlecht nicht nur an Pronomen, sondern auch an Artikel, Adjektive und Relativsätze. Ein neues Pronomen allein löst also nicht alles. Dazu kommt, dass verschiedene Gruppen verschiedene Formen entwickelt haben, die nebeneinander bestehen.

Für den Alltag heißt das: Du musst nicht alle Formen kennen. Es reicht, die Pronomen der Menschen zu lernen, mit denen du zu tun hast. Wenn eine Person dir sagt, dass sie dey nutzt, dann ist dey richtig, egal was anderswo empfohlen wird. Einen Überblick über Identitäten, für die solche Pronomen oft gewählt werden, gibt der Artikel über nicht-binäre Menschen.

Neopronomen im Alltag benutzen

Am schwierigsten sind nicht die Pronomen selbst, sondern alles drumherum. Neopronomen funktionieren im Satz wie andere Pronomen auch, nur dass die Wörter rundherum oft nicht mitspielen. Ein paar Hinweise aus der Praxis:

  • Artikel und Berufe: Bei „der Kollege“ oder „die Ärztin“ steckt das Geschlecht schon im Wort. Neutrale Formen wie „die Fachkraft“ oder „die Person“ helfen. Mehr dazu im Artikel über Gendern im Alltag.
  • Schriftlich zuerst: In Mails und Chats hast du Zeit zum Nachdenken. Viele gewöhnen sich dort an die Formen, bevor sie sie im Gespräch sicher benutzen.
  • Sparsam statt perfekt: Du darfst Sätze so bauen, dass du das Pronomen seltener brauchst. Das ist kein Ausweichen, solange du kein falsches einsetzt.
  • Andere informieren: Wenn eine Person in einer Gruppe neu ist, frag sie, ob du anderen ihre Pronomen sagen darfst. Dann muss sie es nicht jedes Mal selbst erklären.

Ungewohnt? Ja. So übst du

Für viele Menschen fühlen sich Neopronomen am Anfang seltsam an. Sie klingen künstlich, die Zunge stolpert, und mitten im Satz fällt dir die Dativform nicht ein. Das ist völlig normal. Kaum jemand hat diese Wörter in der Schule gelernt, und das Gehirn braucht Wiederholung, um neue Sprachmuster abzuspeichern.

Ein paar Wege, die vielen helfen:

  • Sprich Beispielsätze halblaut vor dich hin, wenn du allein bist. Fünf Minuten an ein paar Tagen bringen mehr, als du denkst.
  • Erzähl einer vertrauten Person von deinem Tag mit der betreffenden Person und nutze dabei bewusst xier, dey oder was eben passt.
  • Schreib dir die Formen auf einen Zettel oder ins Handy, bis sie sitzen.
  • Korrigier dich kurz, wenn du dich vertust, und mach weiter. Wie das ohne großes Aufheben geht, steht im Text über falsche Ansprache.

Nach einigen Wochen klingt vieles nicht mehr fremd. Und die Person, um die es geht, merkt den Unterschied, auch wenn noch nicht jede Form perfekt sitzt. Hilfreich ist auch, sich klarzumachen, dass Sprache sich immer verändert. Wörter wie „googeln“ oder „Smartphone“ klangen auch einmal neu und sind heute selbstverständlich.

Neopronomen für dich selbst finden

Wenn du überlegst, ob ein Neopronomen zu dir passt, probier es in einem geschützten Rahmen aus. Lies Sätze über dich mit verschiedenen Formen und achte darauf, was sich gut anfühlt. Manche Menschen testen ein Pronomen erst online oder im engen Freundeskreis, bevor sie es breiter nutzen.

Du darfst dich auch umentscheiden oder mehrere Pronomen gleichzeitig nutzen. Und du darfst je nach Umfeld unterschiedlich vorgehen, etwa xier unter Freund*innen und den Namen im Job, wenn dir das sicherer erscheint. Weitere Begriffe rund um Geschlecht findest du im Bereich Grundlagen, kurze Erklärungen einzelner Wörter im Glossar. Eigene, teils sehr kreative Pronomen begegnen dir auch im Umfeld von Xenogender-Identitäten.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Wie spricht man xier aus?

Verbreitet ist eine Aussprache mit „ks“ am Anfang, ähnlich wie das x in „Hexe“, also ungefähr „ksier“. Eine verbindliche Aussprache gibt es aber nicht, und manche Menschen sprechen das Wort anders aus. Wenn du unsicher bist, hör einfach hin, wie die Person es selbst sagt, oder frag kurz nach. Das ist keine peinliche Frage, sondern zeigt, dass du es richtig machen willst.

Sind Neopronomen nur etwas für junge Leute?

Nein. Die Vorschläge sind zwar vor allem in den letzten Jahren bekannter geworden, und jüngere Menschen nutzen das Internet oft als ersten Ort zum Ausprobieren. Neopronomen nutzen aber Menschen jeden Alters. Wie gut sich jemand daran gewöhnt, hängt weniger vom Alter ab als von Übung und davon, ob man es wirklich lernen möchte.

Was mache ich, wenn ich mir die Formen einfach nicht merken kann?

Fang mit der Grundform an und nutze für den Rest den Namen. „Xier kommt später, ich gebe Robin dann das Buch“ ist völlig in Ordnung. Sag der Person ruhig, dass du noch übst. Die meisten freuen sich über den ehrlichen Versuch mehr als über perfekte Grammatik. Mit der Zeit kommen die übrigen Formen dazu, oft schneller als erwartet.

Kann ich Neopronomen in offiziellen Texten oder Briefen verwenden?

Du kannst, wenn die Person das möchte. Rechtliche Vorgaben dazu gibt es nicht, und offizielle Rechtschreibregeln kennen die Formen bisher nicht. In Briefen ist es oft einfacher, ganz ohne Pronomen auszukommen und die Person mit vollem Namen anzusprechen. Wenn du über jemanden schreibst, etwa in einem Bericht, frag vorher, welche Form gewünscht ist.

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