Androgyn: Zwischen Mode, Mythos und eigenem Geschlecht

Androgyn kann ein Aussehen beschreiben, das sich nicht klar als weiblich oder männlich einordnen lässt. Es kann aber auch eine Geschlechtsidentität sein. Hier liest du, woher das Wort kommt und wie sich Stil und Identität unterscheiden.

Was androgyn bedeutet

Androgyn beschreibt etwas, das weibliche und männliche Merkmale verbindet oder sich keinem der beiden klar zuordnen lässt. Das Hauptwort dazu ist Androgynie. Im Alltag begegnet dir das Wort meistens in zwei Bedeutungen, die man gut auseinanderhalten sollte.

Zum einen gibt es Androgynie als Stil. Gemeint ist ein Aussehen, bei dem man auf den ersten Blick nicht sicher sagen kann, ob jemand Frau oder Mann ist, oder bei dem Elemente aus beiden Richtungen zusammenkommen. Zum anderen gibt es androgyn als Identität. Dann beschreibt das Wort ein Geschlecht, das zwischen weiblich und männlich liegt oder beides in sich vereint. Menschen mit dieser Identität nennen sich oft „androgyn“, im Englischen auch „androgyne“.

Beides kann zusammenfallen, muss es aber nicht. Eine androgyn gekleidete Person kann ganz klar Frau sein. Und eine Person mit androgyner Identität kann sehr feminin oder sehr maskulin aussehen.

Ein Wort aus der Antike: andros und gyne

Das Wort stammt aus dem Altgriechischen. Es setzt sich aus „anēr“ (im Genitiv „andros“) für Mann und „gynē“ für Frau zusammen. Wörtlich heißt androgyn also etwa „mannweiblich“. Dieselben Wurzeln stecken in Wörtern wie „Androgen“ für männlich wirkende Hormone oder „Gynäkologie“ für die Frauenheilkunde.

Eine der bekanntesten frühen Stellen findet sich bei Platon. In seinem Dialog „Symposion“ erzählt die Figur des Aristophanes einen Mythos: Ursprünglich habe es drei Arten von Menschen gegeben, männliche, weibliche und androgyne, jede rund und mit doppeltem Körper. Die Götter hätten sie geteilt, und seitdem suche jede Hälfte ihr Gegenstück. Der Mythos ist eine Erzählung über Liebe und Sehnsucht, kein Bericht über Geschlechtsidentität im heutigen Sinn. Er zeigt aber, wie alt die Idee ist, dass Weibliches und Männliches in einem Wesen zusammenkommen können.

In späteren Jahrhunderten griffen Philosophie, Religion und Kunst das Bild des Androgynen immer wieder auf, oft als Symbol für Ganzheit oder Vollkommenheit. Mit dem Leben echter Menschen hatte das häufig wenig zu tun. Lange wurde „androgyn“ außerdem mit Körpern verwechselt, die sich medizinisch nicht eindeutig einordnen lassen. Heute trennt man das klar, dazu unten mehr.

Androgynie als Stil: Mode, Musik und Bühne

Androgyner Stil spielt mit den Codes, die eine Gesellschaft für weiblich und männlich hält. Das kann ein gerade geschnittener Anzug an einer Frau sein, ein Mann mit langen Haaren und Kajal, eine Kurzhaarfrisur ohne Make-up oder weite Kleidung, die keine Körperform betont.

In der Mode tauchte Androgynie im 20. Jahrhundert immer wieder auf. In den 1920er-Jahren trugen viele junge Frauen kurze Haare und gerade geschnittene Kleider, ein Look, der damals als jungenhaft galt. Hosenanzüge für Frauen waren lange ein Skandal und wurden später zum Klassiker. Ab den späten 1960er-Jahren kam Unisex-Mode auf, also Kleidung, die für alle gedacht ist. Heute bieten viele Labels Kollektionen an, die gar nicht mehr nach Geschlecht sortiert sind.

Auch in der Popkultur hat Androgynie eine lange Spur. In Glam Rock, New Wave und vielen anderen Musikrichtungen gehörten Make-up, Glitzer und bewusst uneindeutige Bühnenfiguren zum Ausdruck. Im Film und auf Laufstegen sorgen androgyne Erscheinungen bis heute für Aufmerksamkeit. Wichtig dabei: Ein androgynes Bühnenbild sagt nichts über die Identität der Person dahinter. Viele Künstler*innen, die mit Androgynie spielen, sind cis. Wer Inspiration für den eigenen Look sucht, findet im Artikel über Kleidung und Style praktische Ideen.

Androgyner Stil ist damit eine Form von gender-nonkonformem Auftreten. Er weicht von Rollenerwartungen ab, egal welches Geschlecht die Person hat.

Androgynie in der Psychologie

In der Psychologie hat der Begriff eine eigene Bedeutung. In den 1970er-Jahren beschrieb die US-amerikanische Psychologin Sandra Bem Androgynie als Kombination von Eigenschaften, die als typisch männlich gelten, mit solchen, die als typisch weiblich gelten. Ein Mensch kann demnach zugleich durchsetzungsstark und einfühlsam sein, und nach Bems Auffassung ist das eher eine Stärke als eine Abweichung.

Diese Bedeutung bezieht sich auf Persönlichkeit und Verhalten, nicht auf die Geschlechtsidentität. Sie hat aber dazu beigetragen, die Vorstellung aufzuweichen, dass Männer und Frauen jeweils nur eine feste Sammlung von Eigenschaften haben dürfen.

Androgyn als Geschlechtsidentität

Als Identität beschreibt androgyn ein Geschlecht für sich. Wer sich so bezeichnet, versteht sich als Mensch mit eigenem Geschlecht, das nicht einfach Frau oder Mann ist. Androgyne Menschen erleben sich oft als Mischung aus weiblich und männlich, als irgendwo dazwischen oder als beides zugleich. Wie diese Mischung aussieht, ist individuell. Stell dir eine Person vor, die sich weder in der Rolle der Frau noch in der des Mannes ganz zu Hause fühlt, aber in beiden etwas Vertrautes findet. Manche spüren ein ziemlich ausgeglichenes Verhältnis, andere eine Tendenz in eine Richtung, ohne ganz dort anzukommen.

Androgyne Menschen gehören zum nicht-binären Spektrum. Manche von ihnen bezeichnen sich auch als trans, andere nicht. Bei den Pronomen gibt es keine feste Regel: Manche nutzen „sie“ oder „er“, manche wechseln, manche bevorzugen Neopronomen oder nur ihren Namen. Auch medizinische Schritte sind sehr unterschiedlich. Einige wünschen sich körperliche Veränderungen in Richtung eines uneindeutigeren Aussehens, viele brauchen nichts davon.

Verwandt sind Begriffe wie bigender, bei dem jemand zwei Geschlechter hat, oder demigender. Der Unterschied liegt oft in Nuancen, und welches Wort passt, entscheidet allein die Person selbst.

Androgyn und nicht-binär: Wo die Grenze verläuft

Nicht-binär ist der Oberbegriff für alle Geschlechter, die nicht ausschließlich Frau oder Mann sind. Androgyn als Identität ist eine von vielen Formen darunter. Jede Person mit androgyner Identität ist also nicht-binär, aber nicht jede nicht-binäre Person ist androgyn. Eine agender Person zum Beispiel erlebt gar kein Geschlecht, statt einer Mischung.

Beim Stil ist die Sache noch klarer getrennt. Ein androgyner Look macht niemanden nicht-binär. Und nicht-binäre Menschen müssen nicht androgyn aussehen, auch wenn dieses Bild in Medien oft so vermittelt wird. Das Klischee vom schlanken, kurzhaarigen nicht-binären Menschen mit neutraler Kleidung trifft auf viele schlicht nicht zu.

Und noch eine wichtige Abgrenzung: Androgyn ist nicht dasselbe wie intergeschlechtlich. Inter Menschen haben körperliche Geschlechtsmerkmale, die nicht in die medizinische Norm von weiblich oder männlich passen. Das betrifft den Körper, nicht die Identität und nicht den Stil. Inter Menschen können jede Geschlechtsidentität haben, und eine androgyne Identität setzt keinen besonderen Körper voraus.

Respekt im Umgang mit androgynen Menschen

  • Frag nicht „Bist du ein Mann oder eine Frau?“, nur weil du jemanden nicht einordnen kannst. Für die Begegnung musst du es meist gar nicht wissen.
  • Nutze im Zweifel den Namen oder frag diskret nach den Pronomen.
  • Schließ von einem androgynen Look nicht auf die Identität, und von einer androgynen Identität nicht auf den Look.

Weitere Geschlechtsidentitäten und Begriffe rund um Ausdruck und Rolle findest du in der Übersicht aller Identitäten.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Wie spricht man androgyn richtig aus?

Im Deutschen sagt man meistens „an-dro-GÜN“, mit Betonung auf der letzten Silbe. Das „gyn“ klingt also wie in „Gynäkologie“. Das Hauptwort Androgynie wird „an-dro-gü-NIE“ ausgesprochen. Im Englischen klingt das Wort anders, dort wird das „g“ meist weich gesprochen, ähnlich wie in „Dschungel“. Beide Aussprachen hörst du in der Community, und niemand wird dich korrigieren, wenn du die englische Variante nutzt.

Kann man als Frau oder Mann androgyn sein?

Beim Stil auf jeden Fall. Viele Frauen und Männer kleiden sich androgyn, ohne an ihrem Geschlecht zu zweifeln. Als Identität ist androgyn dagegen ein eigenes Geschlecht zwischen oder jenseits von Frau und Mann. Wer sich als androgyn im Sinne der Identität versteht, ist deshalb in der Regel nicht ausschließlich Frau oder Mann. Einige verbinden aber beides, etwa als androgyne Frau mit einem Gefühl für beide Seiten.

Ist Androgynie angeboren?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Ein androgynes Aussehen kann mit dem Körperbau zu tun haben, etwa mit Gesichtszügen oder Statur, aber auch ganz bewusst gewählt sein. Bei der Identität gilt dasselbe wie bei anderen Geschlechtsidentitäten: Woher sie genau kommt, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Für den respektvollen Umgang spielt das keine Rolle. Entscheidend ist, wie sich jemand selbst beschreibt.

Gibt es eine Flagge für androgyne Menschen?

Im Netz kursieren Entwürfe für eine Androgyn-Flagge, eine einheitlich anerkannte Fassung mit gesicherter Herkunft gibt es aber nicht. Viele androgyne Menschen verwenden die nicht-binäre Flagge von Kye Rowan aus dem Jahr 2014 mit Gelb, Weiß, Lila und Schwarz. Andere greifen zur Genderqueer-Flagge in Lavendel, Weiß und Dunkelgrün, in der Lavendel ausdrücklich für Androgynität steht.

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