Neutrois: Ein neutrales Geschlecht oder gar keins

Neutrois Menschen haben ein neutrales Geschlecht oder gar keins. Hier erfährst du, woher der Begriff kommt, wie er sich von agender unterscheidet und welche medizinischen Fragen er für manche aufwirft.

Was neutrois bedeutet

Neutrois beschreibt ein neutrales Geschlecht oder das Fehlen eines Geschlechts. Neutrois Menschen sind weder Frau noch Mann und sehen sich auch nicht irgendwo dazwischen. Ihr Geschlecht liegt sozusagen am Nullpunkt: nicht weiblich, nicht männlich, schlicht neutral. Der Begriff gehört zum nicht-binären Spektrum, und viele neutrois Menschen verstehen sich auch als trans.

Wie Menschen das genau erleben, unterscheidet sich. Für die einen ist neutrois eine eigene, klar spürbare Identität, die eben neutral ist. Für andere bedeutet es eher, gar keins zu haben. Die Bedeutung ist also nicht völlig einheitlich, und die Grenze zu verwandten Begriffen ist fließend.

Woher das Wort kommt

Neutrois gehört zu den älteren Begriffen im nicht-binären Spektrum. Belegt ist er seit Mitte der 1990er-Jahre, lange bevor Wörter wie demigirl oder xenogender aufkamen. Er stammt aus dem englischsprachigen Raum. Verbreitet hat er sich über den Austausch in trans und genderqueeren Communitys.

Wie das Wort genau gebildet wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Oft wird es als Verbindung von „neutral“ und dem französischen „trois“ für „drei“ erklärt, also sinngemäß als neutrales drittes Geschlecht. Ob diese Herkunft stimmt, lässt sich nicht sicher sagen. Für heute zählt ohnehin mehr, wie Menschen den Begriff selbst nutzen.

Neutrois oder agender: eine Frage der Betonung

Die Grenze zu agender sorgt am häufigsten für Verwirrung. Grob gesagt stellt agender eher das Fehlen in den Vordergrund, neutrois eher das Neutrale. In der Praxis ist die Trennung aber weniger scharf, als Definitionen vermuten lassen.

Viele Menschen wählen zwischen beiden Wörtern nicht nach Lexikon, sondern nach Gefühl. Dem einen klingt agender zu sehr nach „nichts“, der anderen neutrois zu technisch. Manche nutzen beide, je nachdem, mit wem sie sprechen. Neutrois ist im deutschsprachigen Raum außerdem weniger bekannt. Wer sich so nennt, muss den Begriff deshalb öfter erklären, hat dafür aber ein Wort, das für manche genauer trifft.

Ein Thema taucht bei neutrois allerdings auffällig oft auf: der Körper.

Der Wunsch nach einem geschlechtsneutralen Körper

Ein Teil der neutrois Menschen wünscht sich, dass ihr Körper weder klar weiblich noch klar männlich wirkt. Das kann einzelne Merkmale betreffen, etwa Brust, Bartwuchs, Körperbehaarung oder Stimme. Bei manchen geht der Wunsch weiter und betrifft auch die Genitalien.

Ein festes Zielbild gibt es dabei nicht. Für die eine Person heißt neutral vor allem: keine Brust. Für eine andere: keine tiefe Stimme und kein Bart. Weil es kein einheitliches Bild gibt, sind Gespräche mit Fachleuten manchmal mühsamer als bei binären Wegen, die schon viele vor dir gegangen sind.

Dieser Wunsch ist nicht bei allen gleich stark, und nicht alle haben ihn. Manche neutrois Menschen fühlen sich mit ihrem Körper wohl und erleben vor allem soziale Dysphorie, also Unbehagen, wenn andere sie als Frau oder Mann einordnen. Andere spüren körperliche Dysphorie deutlich. Beides ist neutrois.

Im Alltag helfen manchen schon kleine Dinge: weite Kleidung, ein neutraler Haarschnitt oder ein Binder, der die Brust flacher wirken lässt. Solche Mittel lassen sich ausprobieren, ohne etwas dauerhaft zu verändern. Beim Binder gilt allerdings: nicht zu lange am Stück tragen und bei Schmerzen oder Atemproblemen sofort ablegen.

Medizinische Wege: was möglich ist und wo es schwierig wird

Wer medizinische Schritte erwägt, stößt schnell auf eine Hürde: Viele Angebote sind auf einen Übergang von einem Geschlecht ins andere ausgerichtet. Neutrale Ziele passen da nicht immer ins Schema. Die deutsche S3-Leitlinie für Erwachsene von 2018 setzt auf individuelle, gemeinsam getroffene Entscheidungen statt auf ein starres Stufenmodell. Das schließt nicht-binäre und neutrale Wege grundsätzlich ein. Die Leitlinie ist bei der AWMF veröffentlicht.

Einige Eingriffe kommen für neutrois Menschen häufiger infrage. Eine Mastektomie entfernt das Brustgewebe und kann zu einer flachen Brust führen. Auch Haarentfernung oder Stimmtraining sind Möglichkeiten. Bei Hormonen wird es komplizierter. Manche wünschen sich, die Wirkung der eigenen Hormone abzuschwächen, ohne in eine andere Richtung zu verändern. Das ist medizinisch heikel, denn der Körper braucht auf Dauer Sexualhormone, unter anderem für gesunde Knochen. Wie eine Behandlung aussehen kann, die das berücksichtigt, gehört ausschließlich in ärztliche Hände.

Operationen an den Genitalien mit einem neutralen Ziel werden selten angeboten. Erfahrungen und Daten dazu sind begrenzt, und die Risiken müssen sehr genau besprochen werden. Ehrlich gesagt: Nicht jeder Wunsch lässt sich medizinisch umsetzen, und nicht jede Praxis kennt sich mit neutralen Zielen aus. Versprechen, die nach einem perfekten Ergebnis klingen, solltest du kritisch prüfen.

Hinzu kommt die Kostenfrage. Seit einem Urteil des Bundessozialgerichts von 2023 ist die Übernahme geschlechtsangleichender Operationen bei neuen Anträgen unsicher, die Kassen prüfen im Einzelfall. Bei nicht-binären Wünschen müssen Betroffene in der Praxis oft mehr erklären. Mehr dazu liest du im Artikel zur Krankenkasse.

Pronomen, Sprache und Papiere

Viele neutrois Menschen bevorzugen eine neutrale Ansprache. Im Deutschen heißt das oft: kein Pronomen, nur der Name, oder ein Neopronomen wie „xier“ oder „dey“. Im Englischen ist „they“ verbreitet. Manche nehmen „er“ oder „sie“ hin, weil es im Alltag einfacher ist, auch wenn es nicht passt.

Schwierig wird es oft bei Wörtern, die im Deutschen ein Geschlecht tragen: Lehrer oder Lehrerin, Kunde oder Kundin. Viele neutrois Menschen weichen auf neutrale Formen aus, etwa „Lehrkraft“ oder „die Person am Empfang“. Andere nutzen für sich selbst Formen mit Sternchen. Eine perfekte Lösung gibt es nicht, aber mit etwas Übung findet fast jeder Satz einen neutralen Weg.

Für den Geschlechtseintrag kommen dieselben Möglichkeiten infrage wie für andere nicht-binäre Menschen, also divers oder keine Angabe. Für viele fühlt sich gerade die Streichung stimmig an, weil sie keine neue Kategorie behauptet. Andere lassen den Eintrag, wie er ist. Eine Änderung ist eine persönliche Entscheidung und keine Bedingung dafür, neutrois zu sein.

Leben mit einem neutralen Geschlecht

In einer stark zweigeteilten Welt neutral zu sein, heißt oft, ständig falsch eingeordnet zu werden. Manche neutrois Menschen wünschen sich, dass ihr Gegenüber gar nicht erst überlegt, ob da eine Frau oder ein Mann steht. Das gelingt selten vollständig, und das kann frustrieren. Es ist völlig in Ordnung, nicht jede Fehleinordnung zu korrigieren und Energie für die Situationen zu sparen, die dir wichtig sind.

Gleichzeitig ist es für viele entlastend, endlich ein Wort für das eigene Erleben zu haben. Wer neutrois ist, muss niemandem beweisen, dass es das gibt. Du darfst den Begriff nutzen, auch wenn du keine medizinischen Schritte willst, und ihn ablegen, wenn ein anderer besser passt. Mehr verwandte Begriffe findest du im Überblick über die Identitäten. Eine verwandte, aber eigene Bezeichnung ist maverique: ein Geschlecht, das unabhängig von Mann und Frau existiert.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Ist neutrois ein drittes Geschlecht?

Für manche ja, für viele nicht. Wer neutrois als eigenes, neutrales Geschlecht erlebt, kann es als dritte Möglichkeit neben Frau und Mann verstehen. Wer eher gar kein Geschlecht hat, empfindet das Wort „drittes“ dagegen als unpassend, weil es eine Kategorie unterstellt, wo keine ist. Beide Sichtweisen kommen unter neutrois Menschen vor. Entscheidend ist, wie die einzelne Person es selbst beschreibt.

Muss ich mir einen neutralen Körper wünschen, um neutrois zu sein?

Nein. Der Wunsch nach einem Körper, der geschlechtsneutral wirkt, kommt bei neutrois Menschen oft vor, ist aber keine Voraussetzung. Manche sind mit ihrem Körper zufrieden und möchten nur neutral angesprochen werden. Andere wünschen sich einzelne Veränderungen, wieder andere weitreichende. Deine Identität hängt nicht davon ab, welche Schritte du gehst oder ob du überhaupt welche gehst.

Wie finde ich Ärzt*innen, die sich mit neutralen Zielen auskennen?

Das ist leider nicht immer leicht. Ein guter Startpunkt sind Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für trans und nicht-binäre Menschen, die oft wissen, welche Praxen offen für solche Anliegen sind. Hilfreich ist auch, schon beim ersten Termin klar zu sagen, dass du kein Ziel als Frau oder Mann verfolgst. Wer dann abwinkt oder dich in eine Richtung drängt, ist vermutlich nicht die richtige Adresse.

Ist neutrois eine medizinische Diagnose?

Nein, neutrois ist eine Selbstbezeichnung. Für medizinische Behandlungen spielt in der ICD-11 der WHO die Geschlechtsinkongruenz eine Rolle. Sie beschreibt eine deutliche Nichtübereinstimmung zwischen erlebtem und zugewiesenem Geschlecht und setzt kein Ziel als Frau oder Mann voraus. In Deutschland wird für die Abrechnung allerdings noch die ältere ICD-10-GM verwendet. Welche Diagnose im Einzelfall genutzt wird, klären die behandelnden Fachleute.

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