Transmaskulin: Wenn die Richtung eher männlich ist

Transmaskulin ist ein Dachbegriff für Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich ganz oder teilweise männlich verorten. Trans Männer gehören dazu, viele nicht-binäre Menschen ebenfalls.

Ein Wort für eine Richtung, nicht für ein Ziel

Transmaskulin beschreibt Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und deren Geschlecht eher männlich ist. „Eher“ ist hier das entscheidende Wort. Manche sind ganz und gar Männer, andere nur zum Teil, wieder andere sehen sich irgendwo dazwischen, mit einer deutlichen Neigung zur männlichen Seite.

Was der Begriff umfasst, lässt sich mit einem Bild erklären: Stell dir eine Landkarte vor, auf der ein ganzes Gebiet markiert ist und kein einzelner Ort. Ein trans Mann wohnt in diesem Gebiet, ein Demiboy ebenfalls, genauso eine nicht-binäre Person, die mit „er“ angesprochen werden möchte oder Testosteron nimmt, ohne sich Mann zu nennen. Sie alle teilen eine Richtung, aber nicht unbedingt eine Adresse.

Im Englischen heißt der Begriff „transmasculine“, kurz „transmasc“. Beide Formen begegnen dir auch in deutschen Foren, Profilen und Gruppen. Das Gegenstück für die weibliche Richtung findest du im Artikel über transfeminine Menschen.

Transmaskulin ist nicht automatisch trans Mann

Hier passieren im Alltag die meisten Missverständnisse. Jeder trans Mann ist transmaskulin, umgekehrt gilt das nicht. Eine transmaskuline Person kann ein Mann sein, sie muss es aber nicht.

Ein typischer Fall wäre eine nicht-binäre Person, die sich einen flachen Oberkörper und eine tiefere Stimme wünscht, beim Wort „Mann“ aber innerlich zusammenzuckt. Sie bezeichnet sich als transmaskulin, weil das die Richtung trifft, ohne ein Geschlecht festzuschreiben, das nicht passt. Würdest du sie „Herr Schulz“ nennen, läge das genauso daneben wie „Frau Schulz“.

Andersherum gibt es trans Männer, die mit dem Sammelbegriff wenig anfangen können. Für sie ist die Sache klar: Ich bin ein Mann. Ein Dachbegriff fühlt sich dann eher wie ein Umweg an. Auch das darf so sein. Transmaskulin ist ein Angebot, kein Etikett, das man tragen muss.

Transmaskulin heißt nicht maskulin aussehen

Das Wort klingt nach Bart, kurzen Haaren und Holzfällerhemd. Mit dem Aussehen hat es aber nur am Rande zu tun. Transmaskulin beschreibt die Identität, also wer jemand ist. Wie sich jemand kleidet, schminkt oder bewegt, gehört zum Geschlechtsausdruck, und der kann ganz unabhängig davon sein.

Es gibt transmaskuline Menschen, die gern Röcke, Ohrringe oder Lidschatten tragen. Es gibt trans Männer, die eher weich und verspielt auftreten. Manche nennen sich bewusst „femme“, um genau diese Mischung zu beschreiben. Wer ihnen deshalb abspricht, „richtig“ transmaskulin zu sein, verwechselt Geschlecht mit Stil. Das passiert übrigens auch cis Männern, die Nagellack tragen, und ist bei ihnen genauso daneben.

Was viele transmaskuline Menschen teilen

So unterschiedlich die Identitäten unter diesem Dach sind, viele Erfahrungen ähneln sich. Für eine große Zahl transmaskuliner Menschen ist die Brust ein zentrales Thema. Sie suchen nach Wegen, sie flacher wirken zu lassen, etwa mit Bindern oder Tape, oder denken über eine Operation nach. Viele beschäftigen sich mit Testosteron, mit der Menstruation, die als besonders unpassend erlebt werden kann, und mit der Frage, wie man in einer Welt auftritt, die bei weiblicher Zuweisung bestimmte Erwartungen hat.

Dazu kommt eine gemeinsame Erfahrung, über die selten gesprochen wird: wenig Aufmerksamkeit. In öffentlichen Debatten über trans Menschen stehen meistens trans Frauen im Fokus. Transmaskuline Menschen tauchen seltener auf, und wenn, dann oft als Jugendliche, über die andere sprechen. Ein gemeinsamer Begriff hilft, diese Gruppe sichtbar zu machen und eigene Räume zu schaffen, etwa Gesprächsrunden, in denen sich trans Männer und nicht-binäre transmaskuline Menschen austauschen.

Woran manche merken, dass das Wort passt

Einen Test gibt es nicht, und niemand muss eine bestimmte Geschichte mitbringen. Trotzdem beschreiben Menschen ähnliche Momente, in denen ihnen der Begriff einleuchtet. Vielleicht fühlt sich „Frau“ seit Langem wie eine Rolle an, die du nur spielst, während „Mann“ zwar näher kommt, aber auch nicht ganz trifft. Vielleicht entspannt dich der Gedanke an eine flache Brust oder eine tiefere Stimme, ohne dass du weißt, wie weit du gehen willst.

Für solche Situationen ist transmaskulin praktisch. Das Wort erlaubt dir, eine Richtung zu benennen, bevor alle Fragen beantwortet sind. Manche bleiben dauerhaft dabei, weil es genau ihre Lage beschreibt. Andere merken mit der Zeit, dass sie Männer sind, oder dass ein anderer Begriff wie nicht-binär besser trägt. Keine dieser Entwicklungen macht die frühere Bezeichnung falsch. Sie war eine ehrliche Antwort auf den Stand von damals.

Hilfreich kann sein, die Bezeichnung erst einmal im Kopf, im Tagebuch oder in einer Online-Gruppe auszuprobieren. Wie fühlt es sich an, wenn jemand dich so beschreibt? Solche kleinen Proben verraten oft mehr als lange Grübelei.

Warum Fachleute den Begriff verwenden

In medizinischen Texten und Studien erscheint „transmaskulin“ immer häufiger, vor allem auf Englisch. Für viele Fragen der Behandlung zählt nämlich nicht, ob sich jemand als Mann oder nicht-binär versteht, sondern welche Organe da sind und welche Therapie läuft.

Ein Beispiel: Wer eine Gebärmutter und Eierstöcke hat, kann schwanger werden, auch unter Testosteron. Das betrifft trans Männer und nicht-binäre transmaskuline Menschen gleichermaßen. Ob und wie sich ein späterer Kinderwunsch erfüllen lässt, sollte deshalb möglichst vor einer Hormontherapie besprochen werden. Ein anderes Beispiel ist die Hormontherapie selbst. Manche nicht-binären transmaskulinen Menschen wünschen sich nur einzelne Veränderungen, und die Behandlung wird dann anders geplant. Mehr dazu erklärt der Artikel über Hormontherapie bei nicht-binären Menschen.

Gleichzeitig hat der Sammelbegriff in der Forschung Nachteile. Wenn eine Studie „transmaskuline Personen“ untersucht, bleibt oft unklar, wer genau dabei war. Wer solche Ergebnisse liest, sollte darauf achten, ob nach Identität, nach Behandlung oder nach beidem unterschieden wurde.

Ehrliche Einwände gegen den Begriff

Nicht alle finden das Wort gelungen. Ein häufiger Einwand lautet, dass es Menschen über ihre Zuweisung bei der Geburt sortiert. Wer transmaskulin sagt, sagt immer mit, dass „weiblich“ auf der Geburtsurkunde stand. Manche empfinden das als unnötigen Blick zurück.

Außerdem haben nicht alle nicht-binären Menschen mit weiblicher Zuweisung eine Richtung. Eine agender Person mit kurzen Haaren ist nicht deshalb transmaskulin, weil sie kurze Haare hat. Und schließlich kann das Wort als Fremdbezeichnung übergriffig wirken, wenn es Menschen zugeschrieben wird, die es für sich nie gewählt haben. Als Selbstbeschreibung funktioniert es gut, als Schublade von außen weniger.

Respektvoll über transmaskuline Menschen sprechen

  • Verwende transmaskulin, wenn jemand sich so nennt, oder wenn du bewusst über die ganze Gruppe sprichst.
  • Mach aus einer transmaskulinen nicht-binären Person keinen Mann, nur weil sie Testosteron nimmt oder einen Bart hat.
  • Frag nach Name, Pronomen und Anrede, statt sie aus dem Aussehen abzuleiten.
  • Denk bei Gesundheitsthemen wie Schwangerschaft, Menstruation oder Vorsorge daran, dass sie auch Menschen betreffen, die nicht als Frau leben.

Viele weitere Begriffe zu Geschlecht, von binär bis weit darüber hinaus, findest du in der Übersicht der Geschlechtsidentitäten.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Was bedeutet AFAB?

AFAB ist die englische Abkürzung für „assigned female at birth“, also bei der Geburt weiblich zugewiesen. Das Kürzel sagt nur, was nach der Geburt eingetragen wurde, nichts über die Identität. Transmaskuline Menschen sind in aller Regel AFAB, aber nicht alle AFAB Menschen sind transmaskulin. Verwende das Kürzel für andere nur, wenn sie es selbst benutzen, denn es lenkt den Blick auf den Körper.

Kann eine Person transmaskulin sein und trotzdem „sie“ als Pronomen nutzen?

Ja, das kommt vor. Pronomen und Geschlecht hängen eng zusammen, aber nicht zwingend. Manche transmaskuline Menschen bleiben bei „sie“, weil es im Umfeld einfacher ist, weil sie sich noch nicht festlegen wollen oder weil es sie schlicht nicht stört. Andere wechseln zu „er“ oder zu Neopronomen. Entscheidend ist, was die Person dir sagt, nicht was du für passend hältst.

Ist transmaskulin eine neue Erfindung?

Das Wort selbst ist relativ jung und stammt aus der englischsprachigen Community, die Menschen dahinter gab es schon immer. Früher fehlten oft die Begriffe, um Lebenswege zwischen Frau und Mann zu beschreiben, oder sie wurden nur in kleinen Kreisen benutzt. Dass ein Wort neu ist, sagt nichts darüber aus, ob die Erfahrung echt ist. Sprache wächst mit den Menschen, die sie brauchen.

Muss ich mich zwischen trans Mann und transmaskulin entscheiden?

Nein. Du kannst beide Begriffe nutzen, nur einen davon oder je nach Situation wechseln. Viele trans Männer sagen im Alltag „Mann“, in einer Gruppe „transmaskulin“ und beim Arzt „trans Mann“. Begriffe sind Werkzeuge, mit denen du dich verständlich machst. Wenn sich deine Bezeichnung mit der Zeit verändert, ist das kein Widerspruch, sondern ein ganz normaler Teil davon, sich besser kennenzulernen.

Weiterlesen

Passt dazu

Nicht allein

Du brauchst gerade jemanden zum Reden?

Wir bieten keine Beratung an. Es gibt aber Menschen, die genau dafür da sind, kostenlos und auf Wunsch anonym.