Identitäten
Demigirl: Zum Teil Mädchen oder Frau, aber nicht ganz
Ein Demigirl erlebt eine echte Verbindung zum Weiblichen, die aber nicht die ganze Identität ausfüllt. Hier erfährst du, wie sich das anfühlen kann, wie du Demigirls ansprichst und was ihre Flagge zeigt.
Was ein Demigirl ist
Ein Demigirl ist eine Person, die sich zum Teil als Mädchen oder Frau erlebt, aber nicht ganz. Da ist eine echte Verbindung zum Weiblichen, sie füllt die Identität aber nicht vollständig aus. Der Rest kann sich geschlechtslos anfühlen, nicht-binär oder einfach offen. Der Begriff gehört zu den Demi-Identitäten, die alle eine teilweise Zugehörigkeit beschreiben.
Die Bedeutung des Wortes ist schnell erklärt: „demi“ heißt halb, „girl“ ist das englische Wort für Mädchen. Trotz „girl“ hat Demigirl nichts mit dem Alter zu tun. Auch Erwachsene nutzen den Begriff, manche sagen lieber Demiwoman oder auf Deutsch Demifrau. Im deutschsprachigen Raum ist trotzdem meist die englische Form üblich, weil sie in Communitys am bekanntesten ist. Verbreitet hat sich das Wort vor allem in den 2010er-Jahren über Online-Foren und soziale Netzwerke, wo Menschen nach Sprache für Erfahrungen suchten, die zwischen den bekannten Kategorien lagen.
Was „teilweise weiblich“ nicht heißt
Ein paar Missverständnisse tauchen immer wieder auf. Es lohnt sich, sie einmal auseinanderzunehmen.
- Kein „bisschen feminin“. Ein Demigirl ist nicht einfach eine Frau, die sich wenig typisch weiblich kleidet oder benimmt. Es geht um die Identität, nicht um Hobbys oder Stil. Eine cis Frau, die lieber an Fahrrädern schraubt als Röcke kauft, ist deshalb noch kein Demigirl.
- Keine Phase auf dem Weg. Manche Menschen nutzen den Begriff eine Weile und finden später einen anderen. Für viele ist Demigirl aber eine dauerhafte, stimmige Beschreibung.
- Keine Aussage über den Körper. Das Wort verrät weder, welches Geschlecht bei der Geburt eingetragen wurde, noch wie der Körper aussieht oder ob jemand medizinische Schritte plant.
Wie sich das anfühlen kann
Gefühle lassen sich schwer verallgemeinern. Die folgenden Situationen sind ausgedacht und sollen dir nur eine Idee geben, wie ein teilweise weibliches Erleben im Alltag aussehen könnte.
Stell dir vor, jemand steht in einer Runde von Freundinnen und fühlt sich zugehörig. Dann sagt eine: „Wir Frauen sind halt so.“ Und plötzlich ist da ein leises „Ja, aber …“ im Kopf. Das „Ja“ ist ehrlich gemeint. Das „aber“ auch.
Oder stell dir eine Person vor, die bei der Geburt als Junge eingeordnet wurde. Sie merkt mit der Zeit, dass Weiblichkeit ein wichtiger Teil von ihr ist, vielleicht ein überraschend großer. Gleichzeitig fühlt sich „Frau“ als vollständiges Etikett zu eng an. Für sie kann Demigirl das Wort sein, das beides gelten lässt.
Manche Demigirls erleben Geschlechtseuphorie, wenn sie als „sie“ angesprochen werden oder ein Kompliment bekommen, das ihre weibliche Seite trifft. Andere freuen sich eher über eine neutrale Ansprache. Und manche erleben beides, je nach Situation und Gegenüber.
Auch Unbehagen kann dazugehören. Manche Demigirls kennen Momente, in denen ein ganz und gar weibliches Bild von ihnen nicht stimmt, etwa wenn sie nur als „die Tochter“ oder „die Frau im Team“ gesehen werden und der andere Teil verschwindet. Andere stört es eher, wenn ihr weiblicher Anteil übersehen wird. Dieses Hin und Her ist kein Zeichen von Unklarheit. Es zeigt nur, dass beide Seiten wirklich da sind.
Demigirl und trans: zwei Wege zum selben Wort
Demigirl ist keine Identität mit nur einem Ausgangspunkt. Menschen kommen von ganz verschiedenen Seiten zu diesem Begriff.
Wer bei der Geburt als Mädchen eingeordnet wurde, bemerkt vielleicht, dass das zugewiesene Geschlecht nur zum Teil stimmt. Manche aus dieser Gruppe sehen sich als trans, weil sie eben nicht ganz Frau sind, andere nicht, weil ein großer Teil ja passt. Wer bei der Geburt als Junge eingeordnet wurde und sich als Demigirl erkennt, versteht sich oft als trans und manchmal auch als transfeminin, also im trans Spektrum mit Richtung zum Weiblichen.
Beide Wege sind gleich gültig. Niemand muss erklären, woher die eigene Identität kommt, damit sie zählt.
Pronomen: oft sie, oft gemischt
Viele Demigirls nutzen „sie“, weil der weibliche Anteil ihnen wichtig ist. Andere kombinieren, etwa „sie“ und „dey“ oder „sie“ und gar kein Pronomen. Im Englischen sieht man häufig Angaben wie „she/they“. Im Deutschen gibt es dafür kein festes Muster, aber du kannst es sinngemäß übertragen: mal „sie“, mal der Name, mal ein Neopronomen.
Bei gemischten Pronomen fragen sich viele, wann welches gilt. Die Antwort ist meist entspannter als befürchtet. Oft wünscht sich die Person einfach, dass beide vorkommen. Manche haben eine klare Vorliebe für bestimmte Situationen. Frag nach, wenn du unsicher bist. Und wenn du einmal danebenliegst, entschuldige dich kurz und mach weiter.
Bei der Anrede wirkt „Frau“ für manche passend, für andere zu viel. Neutrale Formen wie „Guten Tag Sam Beispiel“ funktionieren fast immer. Und in Gruppen schließt „Hallo zusammen“ alle ein, ohne dass sich jemand einsortieren muss.
Die Demigirl-Flagge und ihre Farben
Die Flagge besteht aus sieben waagerechten Streifen: Dunkelgrau, Hellgrau, Rosa, Weiß, Rosa, Hellgrau, Dunkelgrau. Sie ist symmetrisch aufgebaut, ähnlich wie die Flaggen anderer Demi-Identitäten. Entstanden ist sie in Online-Communitys. Wer sie zuerst entworfen hat, ist nicht verlässlich belegt.
Eine offizielle Deutung der Farben gibt es nicht. Verbreitet ist diese Lesart: Rosa steht für die Verbindung zum Weiblichen. Die beiden Grautöne stehen für den Teil, der sich keinem Geschlecht oder nur teilweise einem zuordnet. Weiß in der Mitte wird oft mit nicht-binären oder geschlechtslosen Anteilen verbunden. Mehr über die Symbole der Community erfährst du in unserem Artikel über Pride-Flaggen.
Im Alltag: was Demigirls hilft
- Nimm die Bezeichnung ernst, auch wenn sie dir neu ist. Du musst sie nicht ganz verstehen, um sie zu respektieren.
- Frag nicht „Also bist du jetzt eine Frau oder nicht?“. Die Antwort steckt bereits im Wort.
- Steck Demigirls nicht automatisch in Frauengruppen und schließ sie auch nicht davon aus. Frag lieber, wo sie sich wohlfühlen.
- Erzähl die Identität nicht weiter, wenn du nicht weißt, ob die Person damit offen umgeht.
Ein Coming-out als Demigirl stößt manchmal auf Unverständnis, weil viele Menschen den Begriff noch nie gehört haben. Oft hilft es, mit einem Bild anzufangen, das dein Gegenüber kennt, statt mit Fachwörtern. Du entscheidest, wem du wie viel erzählst. Manche sagen im Job nur „nicht-binär“ und im engen Freundeskreis „Demigirl“, weil dort mehr Zeit für Rückfragen bleibt.
Wenn du selbst ein Demigirl bist oder es vermutest: Du musst niemandem eine perfekte Erklärung liefern. Ein Satz wie „Ich bin zum Teil Frau, aber nicht ganz“ reicht für den Anfang. Weitere Bezeichnungen und wie sie zusammenhängen, findest du im Überblick über alle Identitäten. Und falls dir die Idee gefällt, du aber eher eine Verbindung zum Männlichen spürst, lohnt sich ein Blick auf Demiboy.
Häufige Fragen
Ist ein Demigirl eine Frau?
Zum Teil. Ein Demigirl erlebt eine echte Verbindung zum Weiblichen, sieht sich aber nicht vollständig als Frau. Manche haben nichts dagegen, im Alltag als Frau gelesen oder in Frauenräume eingeladen zu werden, andere fühlen sich dabei übergangen. Deshalb gibt es keine pauschale Antwort. Am sichersten ist es, die Person selbst zu fragen, wie sie das für sich sieht.
Was ist der Unterschied zwischen Demigirl und genderfluid?
Bei genderfluid verändert sich das Geschlecht über die Zeit. Eine Person kann sich an einem Tag weiblich und an einem anderen männlich oder agender erleben. Ein Demigirl hat dagegen meist eine recht beständige, teilweise Verbindung zum Weiblichen. Beides schließt sich nicht aus. Wer sich nur teilweise weiblich erlebt und zusätzlich Schwankungen spürt, kann auch beide Begriffe nutzen.
Wollen Demigirls medizinische Schritte?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele brauchen keine körperlichen Veränderungen, sondern vor allem eine respektvolle Ansprache. Andere wünschen sich einzelne Schritte, etwa eine Hormontherapie, Haarentfernung oder Stimmtraining. Was davon sinnvoll ist, klärst du am besten mit qualifizierten Fachleuten, die Erfahrung mit nicht-binären Menschen haben. Medizinische Maßnahmen sind keine Voraussetzung dafür, ein Demigirl zu sein.
Kann ich als Demigirl lesbisch sein?
Ja. Manche Demigirls nennen sich lesbisch, wenn sie sich zu Frauen hingezogen fühlen, weil ihr weiblicher Anteil sie mit dieser Community verbindet. Andere finden Wörter wie queer, bi oder pan passender. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind zwei verschiedene Dinge, und welches Wort du für deine Anziehung wählst, entscheidest du selbst. Niemand darf dir das absprechen.
Passt dazu
Du brauchst gerade jemanden zum Reden?
Wir bieten keine Beratung an. Es gibt aber Menschen, die genau dafür da sind, kostenlos und auf Wunsch anonym.
- TelefonSeelsorge, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
- Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111
- Queere Anlaufstellen in deiner Nähe findest du im Überblick zu Beratung und Selbsthilfe.