Grundlagen
Cis sein: Was der Begriff meint und was nicht
Cis ist das Gegenstück zu trans und beschreibt die meisten Menschen. Hier erfährst du, woher die Vorsilbe kommt, warum das Wort keine Beleidigung ist, welche Kritik es gibt und was Cisnormativität im Alltag bedeutet.
Was cisgender bedeutet
Cisgender, kurz cis, beschreibt Menschen, deren Geschlecht zu dem passt, das bei ihrer Geburt eingetragen wurde. Eine cis Frau wurde als Mädchen eingeordnet und ist eine Frau. Ein cis Mann wurde als Junge eingeordnet und ist ein Mann. Das trifft auf die große Mehrheit der Menschen zu.
Geschrieben wird es wie trans: klein und getrennt als Adjektiv, also cis Frau, cis Mann, cis Person. Die Langform cisgender kommt aus dem Englischen. Im Deutschen liest man gelegentlich auch „cisgeschlechtlich“ oder das ältere „zissexuell“.
Cis sein bedeutet nicht, mit allen Rollenbildern einverstanden zu sein. Eine cis Frau kann Röcke hassen, Handwerkerin sein und nie Kinder wollen. Sie bleibt eine cis Frau, weil der Begriff nur meint, wie Geschlechtsidentität und zugewiesenes Geschlecht zueinander stehen. Mit Aussehen, Verhalten oder Orientierung hat er nichts zu tun. Die meisten schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen sind ebenfalls cis.
Die Herkunft der Vorsilbe cis
„Cis“ ist Latein und heißt „diesseits“. Das Gegenstück „trans“ heißt „jenseits“ oder „hinüber“. Die Römer nannten etwa den Teil Galliens, der von Rom aus gesehen vor den Alpen lag, „Gallia cisalpina“, also Gallien diesseits der Alpen. Das Wortpaar ist also sehr alt und hatte ursprünglich nichts mit Geschlecht zu tun.
Auch die Chemie nutzt die beiden Vorsilben. Bei sogenannten cis-trans-Isomeren liegen bestimmte Teile eines Moleküls entweder auf derselben Seite oder auf gegenüberliegenden Seiten. Vielleicht kennst du das von Transfetten, die nach genau dieser Anordnung benannt sind.
Auf Geschlecht übertragen wurde das Wortpaar in den 1990er Jahren. Im deutschsprachigen Raum verwendete der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch Anfang der 1990er Jahre den Begriff „zissexuell“. Etwa zur selben Zeit tauchte „cisgender“ in englischsprachigen Diskussionen auf, auch in frühen Online-Foren. Breiter bekannt wurde das Wort erst ab den 2010er Jahren. Seine Bedeutung und Herkunft sind also eng mit dem Wort trans verbunden: Es wurde gebraucht, um ein Gegenstück zu haben.
Warum cis keine Beleidigung ist
Manche Menschen fühlen sich angegriffen, wenn sie cis genannt werden. Dabei ist das Wort rein beschreibend. Es funktioniert wie „heterosexuell“ oder „rechtshändig“: Es benennt die Mehrheit, damit man über Unterschiede sprechen kann, ohne die Mehrheit stillschweigend als normal und alle anderen als Abweichung zu behandeln. Niemand empfindet „Rechtshänder“ als Kränkung, obwohl es das Wort nur gibt, weil es auch Linkshänder gibt.
Ohne ein solches Wort bleiben oft nur schiefe Gegensätze. Wer „trans Frauen und echte Frauen“ sagt oder „trans Frauen und normale Frauen“, unterstellt, dass trans Frauen keine echten oder normalen Frauen seien. „Trans und cis Frauen“ ist dagegen neutral. Beide sind Frauen, der Zusatz beschreibt nur, ob das Geschlecht zum Eintrag bei der Geburt gepasst hat.
Ein Wort für die Mehrheit hat noch einen Vorteil: Es macht sichtbar, dass auch cis Menschen ein Geschlecht haben, das man benennen kann. Sonst entsteht leicht der Eindruck, nur trans Menschen hätten eine Identität und alle anderen seien einfach neutral. So ist es nicht. Beide Gruppen erleben ihr Geschlecht, nur unter sehr unterschiedlichen Bedingungen.
Kritik am Begriff, fair eingeordnet
Trotzdem gibt es Kritik, und längst nicht jede ist böswillig. Ein paar Einwände begegnen dir häufig:
- „Ich habe mir das Wort nicht ausgesucht.“ Manche stört, dass sie mit einem Begriff beschrieben werden, den sie nicht selbst gewählt haben. Das ist nachvollziehbar. Allerdings gilt das für viele Beschreibungen, etwa für „heterosexuell“ oder „deutschsprachig“. Ein Begriff muss nicht von allen gewünscht sein, um sachlich zu stimmen.
- „Ich habe keine Geschlechtsidentität, ich bin einfach eine Frau.“ Viele cis Menschen spüren ihre Identität nicht bewusst, weil sie nie infrage stand. Das ist typisch für die Erfahrung der Mehrheit. Dass etwas selbstverständlich ist, heißt aber nicht, dass es nicht existiert.
- „Cis heißt, mit Geschlechterrollen einverstanden zu sein.“ Diesen Einwand bringen vor allem manche Feministinnen vor. Er beruht auf einem Missverständnis: Cis beschreibt die Identität, nicht die Zustimmung zu Rollen oder Klischees.
- „Das Wort wird als Schimpfwort benutzt.“ Das kommt vor, vor allem in hitzigen Online-Debatten, in denen cis Menschen pauschal abgewertet werden. Das ist nicht in Ordnung. An der eigentlichen Bedeutung ändert es aber nichts. Fast jedes Wort lässt sich abwertend verwenden.
Wer das Wort für sich selbst nicht mag, kann auch „nicht trans“ sagen. Inhaltlich meint das dasselbe. Entscheidend ist, dass es überhaupt eine neutrale Bezeichnung gibt.
Cisnormativität: wenn cis als Standard gilt
Cisnormativität bedeutet, dass die Gesellschaft stillschweigend davon ausgeht, alle Menschen seien cis. Das ist selten böse gemeint. Es steckt in Gewohnheiten, Formularen und Abläufen, die nie anders gedacht wurden. Ein paar Beispiele:
- Formulare, in denen es nur „Herr“ und „Frau“ gibt, oder Systeme, in denen sich ein Name nicht ändern lässt.
- Abrechnungssysteme in Arztpraxen, die bestimmte Untersuchungen nur bei einem passenden Geschlechtseintrag zulassen. Ein trans Mann mit Gebärmutter kann dann bei der Krebsvorsorge auf Hürden stoßen.
- Aufklärungsunterricht, der davon ausgeht, dass alle Mädchen menstruieren werden und alle Jungen nicht.
- Fragen nach Operationen oder Genitalien, die man cis Menschen nie stellen würde.
- Die Annahme, man könne das Geschlecht eines Menschen am Aussehen erkennen.
Für cis Menschen ist das meist unsichtbar, weil alles passt. Für trans, nicht-binäre und inter Menschen sind es viele kleine Hürden am Tag. Wie solche Situationen etwa beim Arztbesuch aussehen können und was dann hilft, erklärt ein eigener Artikel.
Ein verwandter Begriff ist Heteronormativität, also die Annahme, alle Menschen seien heterosexuell. Beides zeigt sich oft gemeinsam, etwa wenn ein kleiner Junge gefragt wird, ob er schon eine Freundin hat. Dabei wird ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass er ein Junge ist und Mädchen mag.
Was du als cis Person tun kannst
Den Begriff für dich anzunehmen, ist schon ein kleiner Schritt. Wer sich selbst als cis bezeichnet, zeigt: Ich bin nicht der Maßstab, an dem alle anderen gemessen werden, sondern eine Möglichkeit unter mehreren.
- Nenn deine Pronomen, etwa in der Mailsignatur oder in einer Vorstellungsrunde, wenn es passt. Das macht es für andere leichter, ihre zu nennen.
- Geh nicht davon aus, dass alle in einem Raum cis sind.
- Nutze cis und trans gleichberechtigt, so wie du auch hetero und schwul nebeneinander sagst.
- Widersprich, wenn jemand über trans Menschen herzieht. Von cis Menschen wird so ein Einspruch oft anders gehört.
Wie du trans Menschen im Alltag konkret unterstützen kannst, beschreibt der Artikel über Allys. Was trans im Einzelnen bedeutet, liest du im Artikel über Transgender. Alle Grundbegriffe auf einen Blick findest du im Bereich Grundlagen.
Häufige Fragen
Sind alle Menschen, die nicht trans sind, automatisch cis?
Meistens ja, aber nicht immer. Manche nicht-binäre Menschen sehen sich weder als trans noch als cis. Für intergeschlechtliche Menschen passt das Wortpaar oft schlecht, weil ihr Geschlecht bei der Geburt manchmal unklar war oder durch Eingriffe festgelegt wurde. Manche inter Menschen nennen sich cis, manche trans, viele keins von beidem. Wie immer gilt: Die Person entscheidet selbst.
Wie spricht man cis aus?
Im Deutschen meist wie „zis“, also mit Z am Anfang, ähnlich wie in „Zisterne“. Manche sprechen es auch englisch aus, also wie „sis“. Beides ist verbreitet und wird verstanden. Bei der Langform cisgender hört man ebenfalls beide Varianten. Eine richtig falsche Aussprache gibt es dabei kaum. Wichtiger ist, dass das Wort sachlich und nicht spöttisch gemeint ist.
Bin ich noch cis, wenn ich manchmal mit meinem Geschlecht hadere?
Wahrscheinlich ja. Viele cis Menschen ärgern sich über Rollenerwartungen, mögen bestimmte Körperteile nicht oder fühlen sich in typischen Rollen unwohl. Das allein macht niemanden trans. Wenn die Frage aber bleibt und es eher um dein Geschlecht selbst geht als um Erwartungen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Der Artikel „Bin ich trans?“ kann dir beim Sortieren helfen.
Was bedeutet Cis-Privileg?
Gemeint sind Vorteile, die cis Menschen haben, meist ohne es zu merken. Ihre Papiere passen zu ihrem Namen, niemand fragt sie nach Operationen, und in der Arztpraxis oder in der Umkleide müssen sie sich nicht erklären. Der Begriff sagt nicht, dass das Leben von cis Menschen leicht ist. Er beschreibt nur, dass ihnen in diesem einen Bereich bestimmte Hürden erspart bleiben.
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- Queere Anlaufstellen in deiner Nähe findest du im Überblick zu Beratung und Selbsthilfe.